Montag, 5. Dezember 2016

"Giants" von Sylvain Neuvel


"Giants" von Sylvain Neuvel

Verlag: Heyne (2016)
Format: Paperback, 414 Seiten
ISBN: 978-3-453-31690-4
Preis: 14,99 € [D] 
Originaltitel: Sleeping Giants (2016)

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Inhalt


Überall auf der Welt werden Körperteile eines riesengroßen Roboters gefunden und von einem Spezialteam zusammengesetzt. Doch von wem wurde er ursprünglich konstruiert, wie funktioniert er und zu welchem Zweck wurden die Einzelteile verstreut? Das herauszufinden ist die Aufgabe von Dr. Rose Franklin und ihrem Team und es gilt, keine Zeit zu verlieren, da die Weltmächte bereits beginnen, um den Roboter zu kämpfen.


Meine Meinung


Wie so oft war es auch bei diesem Roman die äußere Erscheinung, die mich dazu bewogen hat, das Buch genauer anzusehen. Das Cover ist glatt und edel glänzend, was gemeinsam mit dem künstlichen Auge sehr gut zu meiner Vorstellung der "Hauptfigur", einem gigantischen, vermutlich von Außerirdischen geschaffenen Roboter, passt.

Als ich die erste Seite aufgeschlagen habe war ich dann jedoch leicht irritiert von dieser Tatsache, dass der ganze Roman fast ausschließlich aus Dialogen besteht, aus einem Frage-Antwort-Spiel zwischen einer zunächst unbekannten Instanz und verschiedenen Mitarbeitern des wissenschaftlichen Teams, das sich mit den gefundenen Einzelteilen des Roboters befasst, des Militärs oder politischer Einrichtungen. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, wie daraus ein Roman werden sollte - doch es ist tatsächlich möglich. Vielleicht sogar gerade dadurch, dass man hier noch viel stärker seine eigene Fantasie bemühen muss, um aus den Antworten der Befragten, die teilweise auch mehr oder weniger vage Beschreibungen enthalten, ein vollständiges Bild entstehen zu lassen.

Die verschiedenen Kapitel sind als eine Art Logbucheinträge gestaltet, die fortlaufend, jedoch nicht vollständig sind. Fehlende Einträge sind ein Indikator für zwischen den Einträgen vergangene Zeit, was ich jedoch ein wenig schwierig fand, da ich mir nie merken konnte, welche Nummer das vorangegangene Kapitel trug. Ich musste daher regelmäßig wieder zurück blättern um zu schauen, wie viel Zeit etwa zwischen dem letzten und dem aktuellen File vergangen ist.

Der Befragende, der die Gespräche führt, hält sich ziemlich bedeckt und beschränkt seinen Teil des Gesprächs auf kurze und prägnante Fragen. Doch auch hier kristallisiert sich nach und nach eine eigene Persönlichkeit heraus und es hat mich sehr fasziniert, wie sehr diese von meiner anfänglichen Idee abgewichen ist. Ich mag es sehr, wenn Autoren mit eigenen Vorurteilen oder vorschnellen Schlüssen spielen und einem so einen Spiegel vorhalten. Auch die anderen Charaktere und deren Beziehungen zueinander lernt man erstaunlich gut kennen. Manche kommen nur ein oder zwei Mal vor, andere tragen maßgeblich zum Verlauf der Geschichte bei und können daher als Protagonisten bezeichnet werden. Aus dieser Kategorie mochte ich besonders gerne die selbstbewusste Pilotin Kara. Ich habe eben ein Faible für starke und unabhängige Frauenfiguren.

Ausgehend von den offensichtlichen Fragen, was der Roboter kann und wer ihn wozu erschaffen hat - Menschen können es nicht gewesen sein, da dafür die Technologie zu weit entwickelt ist - zieht der Roman nach und nach immer weitere Kreise und thematisiert schließlich auch die Folgen für Politik und Weltfrieden, die die Entdeckung und das Experimentieren mit dem Roboter hat. Intrigen werden gesponnen, Machtspielchen ausgefochten, und inmitten all dessen versuchen die Protagonisten nur, ihren Job gut zu machen und den Roboter zum Laufen zu bringen. Damit weist Neuvel auch auf den Interessenskonflikt zwischen Wissenschaft und Politik hin, der wohl leider gar nicht so selten vorkommt und gerne Stoff für Romane und Filme ist. Während Wissenschaftler ein ehrliches Interesse an der Beschaffenheit ihres Untersuchungsobjekts haben, sehen die hohen Tiere darin sofort Profit und Macht...

Giants ist der Auftakt einer Reihe und nicht wirklich in sich geschlossen, dennoch bleibt man nicht mit einem fiesen Cliffhanger zurück. Außerdem muss man auch gar nicht so lange auf die Fortsetzung warten, denn diese ist vom Verlag bereits für den 13. Juni 2017 angekündigt und klingt sehr vielversprechend. Offenbar bekommt die Welt es dann tatsächlich mit den Erbauern der Roboter zu tun...

Ich vergebe 4 von 5 Wolken für diesen Roman. Vielen herzlichen Dank an das Bloggerportal und die Randomhous Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar.

Freitag, 2. Dezember 2016

"Novemberschokolade" von Ulrike Sosnitza


"Novemberschokolade" von Ulrike Sosnitza
Verlag: Heyne (2016)
Format: TB, 366 Seiten
ISBN:978-3-453-35906-2
Preis: 9,99 € [D] 

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Inhalt


Lea Winter kann es nicht glauben, als sie die fristlose Kündigung ihrer Wohnung und der darunter liegenden Chocolaterie in den Händen hält. Doch es scheint kein böser Traum zu sein. Von nun an setzt Lea alles daran, ihren kleinen Laden zu retten und all ihre Hoffnung ruht auf dem Pralinenwettbewerb einer großen Hotelkette. Da taucht ihre Mutter unverhofft wieder auf und Lea kommt einem gut gehüteten und düsteren Familiengeheimnis auf die Spur. Und dann ist da noch Alessandro, dessen Duft in ihr eine unerklärliche Sehnsucht erweckt...


Meine Meinung


Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich dieses Buch zum ersten Mal gesehen habe. Das Cover ist wirklich außerordentlich gut gelungen. Die geriffelte Oberfläche fühlt sich toll an und das Bild macht sofort Lust auf Schokolade, eine Kuscheldecke und ein gutes Buch. Wenig später ist das Buch dann bei mir eingezogen.

Ich bin sehr schnell in die Geschichte hinein gekommen und hatte das Buch auch in kürzester Zeit gelesen. Lea war mir von Anfang an sympathisch und ich habe richtig mit ihr mitgefiebert im Kampf um ihre Chocolaterie. Ihren verzweifelten Kampf um ihren Lebenstraum fand ich außerordentlich gut beschrieben. Er verläuft nicht geradlinig, wie es in manchen Büchern gerne der Fall ist, sondern in einem ständigen Auf und Ab, was die Geschichte besonders realistisch erscheinen lässt. Eine Lösung scheint gefunden, dann plötzlich wieder ein Rückschlag. Eine weitere Möglichkeit tut sich auf, doch auch diese scheidet wieder aus. Und schließlich ist Lea sogar kurz davor, aufzugeben...

Mit dem Schicksal ihrer Chocolaterie eng verwoben ist ein gut gehütetes düsteres Familiengeheimnis. Ihre Mutter verließ Lea, als sie noch sehr jung war, und ihr Vater, der ebenfalls Chocolatier war, starb kurz darauf. Lea wuchs bei ihrer Großmutter auf, konnte jedoch nicht aufhören, vermisst ihre Elter jedoch an jedem einzelnen Tag. Ich fand es daher gar nicht verwunderlich, dass sie, als sie ihre Mutter unverhofft wieder trifft, diese nahezu verherrlicht und es zunächst nicht schafft, die Frau, die ja eigentlich eine Fremde ist, objektiv zu betrachten. Dennoch begreift auch Lea irgendwann, dass sie etwas vor ihr verheimlicht.

Und dieses Geheimnis war dann erschütternder und tragischer als alles, was ich vermutet hatte. Die Enthüllung ließ mich wirklich fassungslos zurück, denn in einem Buch, dass so süßlich und winterlich-verträumt daher kommt, hatte ich mit so etwas kein bisschen gerechnet. Doch dadurch schließt sich der Kreis. Es erklärt sich, warum Lea den Geruch von Himbeeren nicht verträgt und warum ihr Alessandro, der Sohn ihres Nachbarn, so vertraut erscheint.

Es hat mir außerdem sehr gefallen, wie Sosnitza mit vorschnellen Urteilen über ihre Charaktere und den berühmten ersten Eindrücken spielt. Besonders in Bezug auf Sébastian habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich ihn vorschnell in eine Schublade gesteckt hatte und ihn dort einige Zeit später zähneknirschend wieder heraus holen musste.

Weniger gelungen fand ich hingegen die romantischen Szenen. Sie wirkten plump und linkisch auf mich und ich musste jedes Mal an einen Ratschlag für Autoren denken, den ich einmal irgendwo gelesen habe, der lautet, solche Szenen lieber gar nicht als nur lauwarm zu schreiben. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen!

Insgesamt ist Sosnitza jedoch ein toller, spannender und vor allem abwechslungsreicher Roman gelungen, dessen Ende ich absolut nicht vorhersehen konnte. Ganz nebenbei wird man in die Geheimnisse der Pralinenherstellung eingeweiht und hat dabei stets den Duft der herrlichsten Zutaten in der Nase. Es ist kein Weihnachtsbuch in dem Sinne, passt aber sehr gut in die Vorweihnachtszeit. Ich vergebe 4 von 5 Wolken. Vielen Dank an das Bloggerportal und den Heyne Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Sonntag, 27. November 2016

"Die Bienenhüterin" von Sue Monk Kidd


"Die Bienenhüterin" von Sue Monk Kidd

Verlag: btb (2008)
Format: TB, 476 Seiten
ISBN: 978-3-442-73887-8
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: The Secret Life of Bees (2002)
Übersetzt von Astrid Mania

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Klappentext


Lilys Mutter ist vor zehn Jahren umgekommen. Ihr Vater herrscht wie ein grausamer Rachegott über die inzwischen Vierzehnjährige. Eines Tages flieht Lily aus der bedrückenden Atmosphäre ihres Elternhauses. Sie findet bei drei Bienenzüchterinnen Unterschlupf, die sie behüten und in die Geheimnisse weiblichen Wissens einweihen. Doch eines Tages steht der Vater am Gartentor...


Meine Meinung


Dieses Buch ist schon eine Weile auf meiner Wunschliste und nachdem ich vor Kurzem den Film dazu gesehen habe (ich konnte einfach nicht widerstehen), wollte ich es nun endlich auch lesen.

Es spielt in den Südstaaten der USA in den 1960er Jahren. Immer mehr Schwarze wagen es, für ihre Rechte einzustehen, was von einem Großteil der weißen Bevölkerung gar nicht gern gesehen wird. Doch obwohl diese unter anderem der Auslöser für die Geschichte ist, tritt die Thematik des Rassismus im Verlauf des Buchs in den Hintergrund. Es geht weniger um Zivilcourage als darum, mit sich selbst und seinem Leben im Reinen zu sein. Darum, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Für Lily ist das schwer. Sie verlor ihre Mutter früh und ihr Vater sollte sich ihrer Meinung nach nicht so nennen dürfen. Sie fühlt sich ungeliebt und wertlos, vor allem als ihr Vater behauptet, ihre Mutter habe sie verlassen wollen, bevor sie unter tragischen Umständen den Tod fand.

Eine große Hilfe in dieser schweren Zeit der Selbstfindung ist ihr Augusta, eine Farbige, die mit ihren beiden Schwestern May und June in einem rosafarbenen Haus lebt und Bienen züchtet. Lilys Weg führt sie dort hin, nachdem sie gemeinsam mit Rosaleen von zu Hause geflohen ist, denn irgendetwas scheint die Schwestern mit Lilys Mutter zu verbinden. Und sie möchte herausfinden, was das ist; herausfinden, ob ihr Vater mit seiner Behauptung vielleicht doch Recht hatte.

Die drei Schwestern sind in meinen Augen etwas ganz Besonderes, jede auf ihre Weise. Augusta ist mütterlich und weise, ohne aufdringlich zu sein. Sie ist gutmütig und geduldig und scheint stets alles richtig zu machen und sowohl Lilys als auch Rosaleens Leben hätte ohne sie wohl eine ganz andere Wendung genommen. June würden andere wohl als schwierig bezeichnen, doch für mich ist sie eine starke und unabhängige junge Frau mit gesundem Misstrauen. Und May schließlich ist zart und sensibel und trägt die Last der Welt auf ihren Schultern. Es muss schwer sein, so empfänglich für den Schmerz der ganzen Welt zu sein und ich könnte mir denken, dass es vielen Menschen so geht wie ihr, die jedoch nicht solchen Halt in ihrer Familie haben.

Lilys Geschichte ist keine "normale" Kleines-Mädchen-wurde-von-der-Mutter-verlassen-und-sucht-nach-ihren-Wurzeln-Geschichte. Von Anfang an ist klar, dass der Tod ihrer Mutter ein tragischer Unfall war, an dem Lily maßgeblich beteiligt war. Ich kann mir nichts Schlimmeres für ein Kind vorstellen. Doch bei allem Mitgefühl wurde ich nicht so richtig warm mit Lily, ohne genau benennen zu können, woran das liegt. Mir gefällt jedoch der Schreibstil, der Lilys oft noch kindliche Gedanken mit einfließen lässt und mich oft zum Grinsen brachte. Es ist immer wieder faszinierend, die Welt durch die Augen von Heranwachsenden zu sehen.

Entsprechend dem Titel spielt auch das Imkern eine große Rolle in diesem Roman und verknüpft besonders Lily und Augusta sowie deren Hilfsarbeiter Zach. Der Prozess der Honiggewinnung wird ausführlich, jedoch nicht langweilig beschrieben und ich habe einiges Interessantes über Bienen erfahren. Jedes Kapitel wird mit einem Sachtext zum Thema Bienen eingeleitet, das informativ ist, zugleich aber faszinierenderweise zu den folgenden Geschehnissen passt.

Von der spirituellen Seite dieser Arbeit ist ebenfalls die Rede. Überhaupt haben die Schwestern eine ganz eigene private Art von Religion gefunden: die Anbetung der Schwarzen Madonna. Es handelt sich dabei um eine interessante Mischung aus Marienkult und eigenen Erfindungen, die mir sehr gefallen hat. Es geht hier nicht um die Anbetung eines strengen Gottes sondern darum, Kraft in sich selbst zu finden. Das sollte meiner Meinung nach eigentlich auch der Sinn von Religion sein.

Ein tiefgründiger Roman über Freundschaft, Familie und die Kraft, die in jeder Frau steckt und nur entfesselt werden muss. Ich vergebe 5 von 5 Wolken. Vielen Dank an den btb-Verlag für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars.

Sonntag, 20. November 2016

"Winterglücksmomente" von Karen Swan

"Winterglücksmomente" von Karen Swan

Verlag: Goldmann (2016)
Format: TB, 478 Seiten
ISBN: 978-3-442-48541-3
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: Christmas on Primrose Hill (2015)
Übersetzt von Gertrud Wittich

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Inhalt


Ein Unfall auf einer Benefizveranstaltung macht Nettie aka Blue Bunny Girl über Nacht zum Star. Ein Ruhm, der ihr gar nicht recht ist, doch weil es für einen guten Zweck ist, spielt sie weiter mit. Und vielleicht auch, weil der berühmte Rockmusiker Jamie plötzlich zu ihren Followern auf Twitter zählt. Doch als die beiden sich tatsächlich näher kommen, kann Nettie das Ganze nicht wirklich genießen. Denn ein Schatten kam vor vier Jahren über ihre Familie, ein Schatten, der sich, wie Nettie hofft, vielleicht dieses Weihnachten endlich lichten wird...


Meine Meinung


Zum ersten Mal las ich letzten Winter ein Buch von Karen Swan und habe mich gleich in ihren Stil und in ihre Art, romantische aber dennoch bodenständige Geschichten zu erzählen, verliebt.

Ja, es läuft auch bei Swan stets auf das Eine raus: die große Liebe. Aber dennoch unterscheiden sich Swans Romane meiner Ansicht nach von vielen anderen. Ihre Charaktere sind sehr menschlich und voller Fehler, sodass es einem leicht fällt, sich in sie und ihre Situation hinein zu versetzen. Außerdem haben sie meist mit einem schlimmen Schicksalsschlag zu kämpfen. Der Traummann taucht dann auch recht schnell auf, doch irgendetwas steht zwischen ihnen. Dennoch hat es für die Protagonistinnen höchste Priorität, ihr eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen - danach kommt erst die Liebe. Das finde ich sehr sympathisch und zeitgemäß.

Ich muss zugeben, ich hatte zu Beginn des Buches dennoch ein wenig meine Zweifel, weil Swan in Winterglücksmomente das heikle und schnell klischeehafte Thema des Superstars, der sich in eine Normalsterbliche verliebt, aufgreift. Doch meine Sorgen verflüchtigten sich schnell - Swan ist es wirklich sehr gut gelungen, die Thematik nahezu ohne Klischees zu behandeln. Natürlich ist und bleibt Jamie ein Promi und das Kennenlernen und Näherkommen der beiden unterliegt zwangsläufig anderen Regeln. Dennoch - abgesehen davon läuft es nicht viel anders als bei jedem anderen Menschen auch, beiderseitige Zweifel und Eifersüchteleien inklusive.

Was ich von dem Auslöser für die ganze Geschichte, Netties Unfall bei einer Benefizveranstaltung, halten soll, weiß ich hingegen nicht so recht. Die Idee ist so völlig fernab von allem, was es bisher gab und an sich eigentlich realistisch, wirkte auf mich aber doch irgendwie seltsam. Ich konnte mir ganz und gar nicht vorstellen, wie sich der Unfall auf dieser Schanze abgespielt haben soll, der Nettie und ihr Hasenkostüm zum Maskottchen einer Kampagne für die Früherkennung von Hodenkrebs gemacht hat. Ein Wunder, dass sie sich nicht den Hals gebrochen hat! Aber es musste natürlich eine krasse Aktion her, damit Swan danach mit der Reichweite und dem Einfluss der sozialen Netzwerke spielen konnte.

Das ganze Buch lebt geradezu von den Challenges, die Nettie fortan absolviert, und von den Hashtags, mit denen sie und ihre Aktion bekannt gemacht werden. Es brachte mich zum Schmunzeln und teilweise auch dazu, den Kopf zu schütteln, dass es alle diese Challenges tatsächlich gibt, so absurd sie auch im ersten Moment klingen mögen. Swan zeigt jedoch auch, dass solche Hypes auch für gute Zwecke genutzt werden können - wie in diesem Fall dafür, für Krebsfrüherkennung zu propagieren.

Und dann ist da natürlich noch das große Familiengeheimnis, das sich erst nach und nach aufklärt und das eine zweite kleinere Story neben der Romanze um Nettie und Jamie bildet. Swan will damit für Fälle wie die von Netties Familie sensibilisieren und wirbt in ihrer Danksagung sogar für eine Charity. Ich finde es sehr schön, dass Swan dieses Thema aufgegriffen hat, das in der Öffentlichkeit nicht viel Beachtung findet und fast schon ein Tabuthema ist.

So. Ich habe nun sehr viel Positives zu dem Roman zu sagen gehabt und ich habe ihn wirklich sehr gerne und vor allem schnell gelesen. Dennoch: mit der Protagonistin Nettie wurde ich trotz allem nicht so richtig warm. Ich konnte sie nicht einschätzen, ihr Verhalten nicht voraussehen und oft nicht nachvollziehen, warum sie auf eine bestimmte Art und Weise gehandelt hat. Ich möchte keinem zu nahe treten, aber Nettie war bereits über 20 als sich "diese Sache" ereignet hat und ich konnte nicht so recht verstehen, warum ihr der Umgang damit so dermaßen schwer fiel. Aber diese Empfindung beruht vielleicht nur darauf, dass ich selbst keinerlei persönliche Erfahrung mit diesem Thema sammeln musste.

Auch das Ende war nicht ganz das, was ich erwartet hatte (auch hier konnte ich mich nicht mit den Figuren und deren Handeln identifizieren) und konnte mich nicht zu 100 % überzeugen. Ich vergebe daher 4 von 5 Wolken.

Mittwoch, 16. November 2016

"Apple und Rain" von Sarah Crossan


"Apple und Rain" von Sarah Crossan

Verlag: cbt (2016)
Format: Ebook, 243 Seiten
Preis: 9,99 € [D] 
Originaltitel: Apple and Rain (2014)
Aus dem Englischen von Birgit Niehaus

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Inhalt


Apple hat kaum Erinnerungen an ihre Mutter. Nur an das Weihnachten, an dem sie sie verließ kann sie sich erinnern. Seitdem lebt sie bei ihrer Großmutter und wartet darauf, dass ihre Mutter vielleicht doch eines Tages zurück kommt. Und tatsächlich: Als sie schon nicht mehr daran glaubt taucht sie auf und Apple ergreift die Chance und zieht zu ihr. Doch sie muss feststellen, dass ihre Mutter nicht allein lebt. Apple hat eine Schwester: Rain. Und Apple muss sich bald eingestehen, dass ihre Mutter sie nicht völlig uneigennützig bei sich aufgenommen hat...


Meine Meinung


Bei diesem Buch waren es das schlichte aber dennoch auffällige Cover und der ungewöhnliche Titel, die mich neugierig machten. Ein kurzer Blick auf die Inhaltsangabe und mir war klar: das ist ein Buch nach meinem Geschmack.

Seit elf Jahren wartet die vierzehnjährige Apple vergeblich darauf, dass ihre Mutter aus Amerika zurück kommt und sie wieder zu sich nimmt. Es ist für Außenstehende nur schwer vorstellbar, sich vorzustellen, was das mit einem Kind macht, welche Ängste und Selbstvorwürfe es Tag für Tag mit sich herum schleppt. Crossan ist es jedoch sehr gut gelungen, diese teils widersprüchlichen Gefühle und Ängste auf Papier zu bringen, die Apple bisweilen lähmen, die sie jedoch keinem einzugestehen wagt.

Ihr neuer Englischlehrer schafft es dann schließlich, dass Apple sich langsam öffnet - zumindest sich selbst. Er verlangt Texte oder Gedichte zu verschiedenen Themen, die wiederum den sechs Teilen entsprechen, in die das Buch aufgeteilt ist: Einsamkeit, Angst, Krieg, Liebe, Enttäuschung und Poesie. Schnell stellt sich heraus, dass Apple wahres Talent für's Schreiben hat, doch sie traut sich nie, den richtigen Text abzugeben. Stattdessen schreibt sie stets einen zweiten, der von Banalitäten wie Fußball oder dem Gassigehen mit dem Hund handelt, was mich sehr nachdenklich gemacht hat. Wie viele Menschen verhalten sich nach außen hin fröhlich und unbeschwert, obwohl sie innerlich einen schweren Klotz mit sich herumschleppen?

Als Apples großer Traum wahr wird und sie zu ihrer Mutter zieht, geht sie immer seltener zur Schule. Ihre Englischhausaufgaben erledigt sie jedoch weiterhin und sie animieren sie immer wieder, selbst zu dichten. Für Apple scheint das einzige Ventil für ihre Gefühle zu sein. Denn obwohl sie jetzt wieder eine Mutter hat - wirklich reden kann sie mit ihr nicht. Auch nicht mit ihrer kleinen Schwester Rain, von deren Existenz sie nichts ahnte und die mit sich selbst genug zu kämpfen hat.

Erst, als ich die kleine verstörte Rain näher kennenlernte wurde mir klar, dass in diesem Roman im Grunde nur tragische Figuren leben. Jede, sowohl die Mutter als auch die beiden Töchter, hat ihr Päckchen zu tragen und jede hat Schwierigkeiten damit, sich in der Welt zurecht zu finden. Dass Rain genau das hat, was Apple sich wünscht, und dennoch nicht glücklich ist - schlimmer noch, sogar fast daran zerbricht - hat mir ebenfalls sehr zu denken gegeben, denn irgendwie befindet sich wohl jeder von uns mal an einem Punkt, an dem man sein Leben gerne mit dem eines anderen tauschen würde.

Ihr seht also, der Roman bietet jede Menge Stoff zum Nachdenken. Er behandelt auf wenigen Seiten so viele verschiedene Themen, dass man völlig überwältigt zurück bleibt. Doch trotz aller Tragik und Dramatik liest sich die Geschichte leicht, ist tiefgründig, ohne zu beschweren, und lässt einen mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Gefühl, dass immer alles irgendwie wieder gut wird, zurück. Es handelt sich tatsächlich um "eine Geschichte, die gebrochene Herzen heilt", wie das Cover verheißt.

Ich vergebe 5 von 5 Wolken für dieses bezaubernde Jugendbuch. Vielen herzlichen Dank an den Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars.