Sonntag, 3. Juni 2012

"Der bunte Schleier" von William Somerset Maugham


"Der bunte Schleier" von William Somerset Maugham

Verlag: Diogenes (2005)
Format: TB, 280 Seiten
ISBN: 3 257 21461 8
Preis: 8,90 € [D]
Originaltitel: "The painted Veil" (1925)

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Inhaltsangabe


Für die junge Engländerin Kitty ist kein Mann gut genug, doch als ihre jüngere Schwester einen Baron ehelicht, heiratet sie völlig überstürzt den Bakteriologen Walter Fane. Sie kehrt mit ihm nach Hong Kong zurück, wo er ein Haus besitzt. Er liebt sie abgöttisch, sie hingegen empfindet ihn als langweilig und kühl und langweilt sich sehr in der Kolonie. Doch dann beginnt sie eine Affaire mit Charles Townsend, dem Zweiten Kolonialsekretär und ist zum ersten Mal verliebt. Trotz aller Vorsicht erfährt Walter von ihrer Untreue. Er nimmt die Stelle eines verstorbenen Missionars in Mei-tan-fu an, einem chinesischen Dorf, in dem die Cholera wütet, und verlangt von Kitty, ihn zu begleiten, ansonsten würde er die Scheidung einreichen. Weil das für eine Frau zur damaligen Zeit den Ruin bedeutet hätte, kommt Kitty mit ihm und stürzt sich in die Gefahr. Doch dort, zwischen Tod und Krankheit, beginnen sich ihre Gefühle für Walter zu verändern.


Meine Meinung


Ich habe oft Probleme mit Büchern, die ich lese, nachdem ich den Film gesehen habe. Hier war das absolut nicht der Fall, denn der Film hat das Buch sehr genau umgesetzt und bis auf den Schluss folgt er ziemlich genau der Vorgabe des Romans. Aber dazu nachher mehr.

Die Handlung der Geschichte, zu der Maugham durch Verse von Dante angeregt wurde, berührt einen zutiefst und ist, obwohl sie im Jahr 1925 erschien und die Gesellschaft sich seither sehr gewandelt hat, mehr als aktuell, was das Innenleben der Hauptperson Kitty anbelangt. Um ehrlich zu sein wundere ich mich fast, wie ein Mann die Gedanken- und Gefühlswelt einer Frau so einfühlsam wiedergeben kann.

Kein Schritt von Kitty lässt sich nicht nachvollziehen, jede Gefühlsregung konnte ich nachfühlen und trotz - oder gerade wegen - ihrer vielen Charakterschwächen, kann man sich gut in sie hineinversetzen. Durch die personale Erzählperspektive bekommen ihre Gedanken noch stärkeres Gewicht, gleichzeitig bleiben die anderen Charaktere immer ein wenig verschwommen, da man sie nur aus Kittys Sicht betrachten kann. Dennoch kann man auch das Verhalten von Walter sehr gut verstehen, man leidet förmlich mit und spürt den tiefen Schmerz und den Frust, den er empfindet. Es zerreißt einen fast, wie festgefahren die Situation ist und man möchte beide schütteln und bitten, sich zusammenzureißen.

Ich muss aber zugeben, dass mir der Mittelteil im Film besser gefällt, als im Buch, wo der Riss zwischen Kitty und Walter nie ganz verheilt. Zum einen finde ich die Idee, dass Gefahr und andere Lebensumstände zwei Menschen wieder zusammenbringen können, nicht ganz abwegig und habe während des Lesens immer auf liebevolle Regungen von Seiten Kittys gewartet. Doch auch so tritt die Entwicklung von Kitty deutlich hervor, der Reifeprozess, den sie durchlebt. Außerdem wird im Film mit aller Macht nach einer Möglichkeit gesucht, die Cholera einzudämmen und Walter lässt schließlich eine Art Aquädukt bauen, um frisches Wasser ins Dorf zu leiten. Ich vergebe daher 4 von 5 Wolken für dieses außergewöhnliche Buch und es tut mir leid, dass der Film ihm die volle Punktzahl streitig gemacht hat. 

Diesen möchte ich jetzt nochmal wärmstens empfehlen. Er wurde phantastisch besetzt und die Landschaftsbilder entführen einen in ferne Welten. Ich musste am Schluss sogar ein paar Tränchen verdrücken, und das passiert nicht so oft.

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