Montag, 25. Juni 2012

"Der Geschmack von Apfelkernen" von Katharina Hagena

"Tante Anna starb mit sechzehn an einer Lungenentzündung, die aufgrund ihres gebrochenen Herzens und des noch nicht entdeckten Penizillins nicht heilen konnte. Ihr Tod trat an einem Spätnachmittag im Juli ein. Und als Annas jüngere Schwester Bertha daraufhin weinend in den Garten rannte, sah sie, dass mit Annas letztem rasselnden Atemzug alle roten Johannisbeeren weiß geworden waren."


"Der Geschmack von Apfelkernen" von Katharina Hagena

Verlag: Kiepenheuer & Witsch (2009)
Format: TB, 254 Seiten
ISBN: 978-3-462-04149-1
Preis: 8,99 € [D]

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Inhalt


Nach dem Tod ihrer Großmutter erbt Iris deren Haus, vermutlich irgendwo im Norden Deutschlands gelegen. Nach der Beerdigung bleibt sie für ein paar Tage um sich darüber klar zu werden, ob sie das Haus behalten will. Sie schwelgt in Erinnerung und langsam kristallisiert sich die Familiengeschichte heraus.


Meine Meinung


Die Idee des Buches ist gut, das ist sie ja fast immer. Ich wurde mit dem Buch aber nicht recht warm. Von Beginn an hatte ich Schwierigkeiten mit der zeitlichen Einordnung, vor allem, da immer wieder zwischen den Generationen gesprungen wird. Erst auf den letzten Seiten wird klar, dass die Beerdigung 1997 stattfand und Iris die Geschichte 11 Jahre später rückblickend erzählt.

Dann hat es eine Weile gedauert, bis ich wusste, wie die Familie denn jetzt aufgebaut ist, wer wessen Cousine oder Freundin ist, wer ungefähr wie alt ist und wer in wen verliebt oder nicht. Das fängt schon auf der ersten Seite an, wo "Tante Anna" geschrieben steht, welche aber eigentlich die Schwester von Iris` Großmutter ist.

Der rote Faden hat irgendwie gefehlt, Iris sieht etwas - im Haus oder unterwegs - und erinnert sich dann an die Umstände. Oder denkt sie sich die Geschichten nur aus? Manchmal hatte ich fast das Gefühl und auf Seite 195 steht sogar geschrieben: "Vielleicht hätte ich Herrn Lexow besser zuhören sollen, statt dort in seinem Garten vor mich hin zu dösen, aber wer sagte, dass seine Geschichte wahrer war als meine Tagträumerei?". Problematisch ist in dem Zusammenhang auch die Erzählperspektive. Iris erzählt von sich als "Ich", berichtet aber auch von Sachen, die sie nicht wissen kann, die vor ihrer Geburt oder ohne ihr Beisein geschahen. Es ist eine zulässige Erzählform, aber ich finde sie nicht besonders gut. 

Iris selbst ist etwa 27 Jahre alt, als sie das Haus erbt. Doch wirklich erwachsen tritt sie nicht auf. Zum Beispiel scheint sie keinerlei Kleidung oder sonst etwas dabei zu haben und rennt daher ständig in den alten Sachen ihrer Tanten herum, die sie im Schrank findet und die eigentlich schon modrig riechen müssten. Und dann wundert sie sich, warum man sie im Baumarkt schief anguckt. Zudem erklärt sie gleich zu Anfang, dass sie, obwohl Bibliothekarin, zwar Bücher kauft und gelegentlich ausleiht, sie aber niemals liest. Denn: "Lesen, das war das Gleiche wie sammeln, und sammeln war das Gleiche wie aufbewahren, und aufbewahren war das Gleiche wie erinnern, und erinnern war das Gleiche wie nicht genau zu wissen, und nicht genau zu wissen war das Gleiche wie vergessen zu haben, und vergessen war das Gleiche wie fallen, und das Fallen musste ein Ende haben." (S.22) Überhaupt kommen öfter solch kryptische Anmerkungen zum Thema Erinnern und Vergessen vor. Aber vielleicht habe ich sie auch einfach nicht verstanden.

Gestört hat mich auch, dass die wörtliche Rede nicht mit Anführungszeichen gekennzeichnet ist, sondern lediglich in einer neuen Zeile steht und mit einem "-" markiert ist. Aber das ist wohl Geschmacks- und Gewohnheitssache.

Die Familiengeschichte an sich ist, obwohl sehr dramatisch, doch recht glaubwürdig. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und doch sind sie alle eine Familie. Und zusammen mit den schönen Bildern vom verwilderten Garten und einem alten, von Erinnerungen geprägten Haus, die Hagena gekonnt entstehen lässt, kommt das Buch auf 3 von 5 Wolken.

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