Freitag, 26. Oktober 2012

"Kapital" von John Lanchester

"Im Morgengrauen eines Spätsommertags ging ein Mann in einem Kapuzenshirt langsam und leise durch eine ganz normal wirkende Straße im Süden Londons. Er war mit irgendetwas beschäftigt, aber ein zufälliger Beobachter hätte nur schwer erraten können, womit. Manchmal ging er näher an eines der Häuser heran, manchmal trat er ein paar Schritte zurück. Mal schaute er nach unten, dann wieder nach oben. Besagter zufälliger Beobachter hätte aus der Nähe allerdings erkennen können, dass der junge Mann eine kleine Videokamera in der Hand hielt."


"Kapital" von John Lanchester

Verlag: Klett-Cotta (Oktober 2012)
Format: HC, 682 Seiten
ISBN: 978-3-608-93985-9
Preis: 24,95 € [D] 
Originaltitel: "Capital" (2012)

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Klappentext


Großstadtleben in Zeiten der Finanzkrise: Jedes Haus in der Pepys Road im Süden Londons hat viel Glück, Liebe und Leid gesehen. Anhand der Leben der Bewohner dieser mehr oder weniger normalen Straße zeichnet John Lanchester ein hochaktuelles Panorama unserer Gegenwart.

Inhalt


Eine normale Straße in London mit mehr oder weniger wohlhabenden Bürgern erhält plötzlich rätselhafte Postkarten und DVDs mit Aufnahmen ihrer Häuser und dem Spruch "Wir wollen was ihr habt". Diese mysteriöse Aktion zieht sich durch das ganze Buch, während Lanchester die jungen und alten Bewohner der Pepys Road durch den Alltag und dessen Höhen und Tiefen begleitet. Erhält der Banker Roger seinen erhofften Jahresbonus? Und wenn nicht, wie werden er und seine Familie ihren ausschweifenden Lebensstil weiterführen können? Warum fühlt sich die alte Dame Petunia in letzter Zeit so schwach? Wird aus Freddy ein weltberühmter Fußballer? Und vor allem: Wer steckt hinter "Wir wollen was ihr habt"?

Meine Meinung


Wow, ich bin hin und weg... Ich wusste nicht so recht, was ich von dem Buch zu erwarten hatte. Ich hatte die Befürchtung, dass es sich nur um finanzielle und wirtschaftliche Belange drehen würde, weil der Klappentext ja ein "Großstadtleben in Zeiten der Finanzkrise" verspricht. Natürlich spielt das Thema eine große Rolle, wirklich in die Tiefe geht es aber nur bei dem Banker Roger Yount, einem der Hauptcharaktere. Hier ergeht sich Lanchester schonmal in bankinternen Vorgehensweisen, alles jedoch im Rahmen, so dass ich als vollkommen Ahnungslose auf diesem Gebiet, mich nicht unter Fachwissen begraben fühlte. Und obwohl sich viel um Geld dreht in diesem Roman, wie ja der Titel schon vermuten lässt, stehen doch die Menschen im Vordergrund.

Es ist absolut faszinierend, wie es Lanchester gelungen ist, so viele Charaktere mit so vielen verschiedenen Wünschen, Träumen, Charakterschwächen und -stärken zu erschaffen und es gleichzeitig geschafft hat, dass alle absolut authentisch erscheinen. Diese Vielschichtigkeit lässt den Leser von Anfang an tief in die Geschichten eintauchen und man kann sich voll und ganz in die Charaktere einfühlen. Sie sind so lebendig, dass ich seither jedes Mal, wenn ich Nachrichten schaue erwarte, dass der junge talentierte Fußballer Freddy Kamo erwähnt wird oder vom Provokationskünstler Smitty die Rede ist.

Die jeweiligen Geschichten wechseln sich kapitelweise ab. Anfangs hatte ich Bedenken, weil ich so große Probleme habe, mir Namen zu merken, hier jedoch wusste ich immer sofort, um wen es sich handelt und was das letzte Mal, als die Person erwähnt wurde, geschah.  Das liegt an der genauen Personenbeschreibung, die ein schnelles Kennenlernen und Wiedererkennen in späteren Kapiteln ermöglicht. Zudem ist jedes einzelne Kapitel so spannend, dass man sich fast schon aufregt, dass das Kapitel so schnell zu Ende ging und im nächsten schon wieder über jemand anderen gesprochen wird. Zumindest ging es mir so. Dadurch kommt ein rasantes Lesetempo zustande, was das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen macht, und man erinnert sich in jedem neuen Kapitel schnell wieder an das Vorgeschehen.

Doch es ist nicht nur die Vielschichtigkeit der vielen Personen, die das Buch so einzigartig macht: Es ist auch der rote Faden, der sich durch den ganzen Roman zieht, einzelne Personen verbindet und schließlich auch zur Rätselslösung führt. Für manche der Charaktere gibt es ein Happy End, für andere nicht. Das Buch beschönigt nicht und greift auch kritische Themen Großbritanniens auf, die sich aber gut auf jedes andere Industrieland übertragen lassen. So zum Beispiel Migration und Abschiebung. Wirklich ein absolut treffendes "Panorama unserer Gegenwart".

"Kaptial" ist ein großartiger und sehr intelligenter Roman und perfekt für verregnete Herbsttage - passend zum Londoner Wetter. Ohne Zweifel: 5 von 5 Wolken! Vielen Dank an vorablesen.de und den Klett-Cotta-Verlag, der meinem Rezensionsexemplar noch einen netten Brief mit Vorschlägen für weitere Leseabenteuer beilegte.

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