Samstag, 13. Oktober 2012

"Scar Night" von Alan Campbell

"Der Hof hinter den Ruinen der verfallenen Kanonengießerei in Applecross war mit Ketten überzogen. Das Puzzlespiel einer Wahnsinnigen. Wie ineinander verkeilte Speere verliefen sie kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen und waren mit rostigen Haken und Bolzen in den Wänden verankert. Im Zentrum dieses eisernen Netzwerks erhob sich der Wachtturm von Barraby. Aus seinem eingestürzten Dach stieg Rauch auf und zog unter Millionen winterlicher Sterne über die Stadt hinweg nach Westen."


"Scar Night" von Alan Campbell

Verlag: Goldmann (Juli 2007)
Format: TB, 606 Seiten
ISBN: 978-3-442-46270-4
Preis: 12,00 € [D]
Originaltitel: "Scar Night" (2006)

☁ ☁


Inhalt


Die Stadt Deepgate hängt an Dutzenden Ketten über einem Abgrund, in dem der Gott Ulcis sich der Seelen der Toten annimmt und darauf sinnt, sich an seiner Mutter, die ihn aus dem Himmel und dem Licht verstieß, zu rächen. Nur eines fürchten die Bewohner: den gefallenen Engel Carnival. Sie fordert in jeder Neumondnacht, der Scar Night, ein Leben für sich. Doch als plötzlich mehrere Leichen auftauchen, alle ausgeblutet und somit seelenlos, wird eine Intrige aufgedeckt: Devon, der Giftmischer der Kirche, will Engelwein herstellen, der ihn unsterblich machen würde. Unter seinen Opfern ist die junge Abigail, deren Vater Mr Nettle sie rächen will. Und dann sind da noch Dill, ein Engel und der letzte seiner Art, sowie die junge Assasinin Rachel, die ihn ausbilden soll. Die Kirche scheint einen Kampf zu erwarten, scheint etwas zu verheimlichen - doch was?

Meine Meinung


"Scar Night" ist der erste Roman von Alan Campbell, dem Schöpfer des weltweit erfolreichen Computerspiels "Grand Theft Auto". Wenn ich böse sein wollte könnte ich sagen, er hätte lieber bei seinen Computerspielen bleiben sollen. Doch das sind eigentlich zu harte Worte, denn Schreibtalent und Fantasie hat er zweifellos, und auch an Humor fehlt es ihm nicht.

Campbell hat eine großartige, fantastische Welt geschaffen, die er auch in allen Einzelheiten beschreibt. Die Stadt, die an Ketten hängt, einzelne Stadtteile, die immer wieder abstürzen, Hängebrücken, Seile, Taue... Doch selbst mir, die ich sehr viel Fantasie habe, gelang es nicht, mir diese Welt vorzustellen. Erst gegen Ende schaffte ich es, in meinem Kopf ein halbwegs plausibles Bild dieser Stadt entstehen zu lassen, die über einem Abgrund hängt. Doch selbst jetzt scheint mir einiges daran nicht schlüssig. Auch die vielen Namen und Berufsbezeichnungen, die aus dem Englischen übernommen wurden und anfangs auf den Leser herabprasseln, verwirrten zunächst sehr. Die Geschichte zog sich hin, ich wusste nicht, worauf Campbell hinauswollte und war kurz davor, das Buch abzubrechen. Doch ich hielt durch und gegen Ende besserte es sich zum Glück auch (ein wenig).

Während ich mir Deepgate nach einiger Zeit einigermaßen vorstellen konnte, habe ich bis jetzt kein Bild von dem "Zahn", einer berüchtigten, beinahe uneinnehmbaren Maschine, die Tausende von Jahren alt ist. Wie soll ich mir das vorstellen?
[...] Der Zahn überragte den Steinbruch. Gelbe Schlieren zogen sich über den glatten weißen Stumpf. Auf einer Seite bedeckten neunzig Meter hohe Sanddünen den Sockel und begruben teilweise die flussbreiten Pisten in der ausgetrockneten Erde dahinter. Ein riesiger, schlammverkrusteter Löffel ragte aus dem Vorderteil heraus wie ein überdimensionaler Kieferknochen unter mehreren Auslegern mit Schneidrädern in den eingezogenen Kauladen. Hoch über den Fräsen leuchtete eine Reihe von hellen Fenstern, und noch höher erhoben sich rußige Schlote aus dem Dach, umgeben von allerlei Gerüsten und Treppen. [...] (S. 413)

Später bewegt sich dieses Teil auf Planierraupen durch die Wüste. Vielleicht sind "Zahn" und "Löffel" nur schlechte Übersetzungen, jedenfalls fand ich es lächerlich zu lesen, dass dieser Zahn durch die Wüste rollte. Ich stellte mir immer einen überdimensionalen Backenzahn vor, der auf dem Kopf steht und auf baggerähnlichen Raupen umherzuckelt, während rechts und links Arme wie bei einem Mähdrescher herausstehen.

Das Buch spielt an mehreren Schauplätzen gleichzeitig und durch Kapitel und Absätze sind die verschiedenen Abschnitte von einander getrennt. Es wird immer ein Charakter beleuchtet und die Geschehnisse in dessen Umfeld erzählt, am Schluss führen die Wege dann alle zusammen. Doch obwohl den einzelnen Charakteren sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, fand ich keinen rechten Zugang zu ihnen. Nur Mr Nettles und Devons Beweggründe konnte ich nachvollziehen, in sie konnte ich mich einfühlen. Im Gegensatz zu Rachel, der Kämpferin, und dem verweichlichten Angsthase Dill, den ich zuerst für die Hauptperson des Romans gehalten hatte. Doch erst am Ende wird er zu einer Art Held, was sich vielleicht in den Folgebänden fortsetzen wird.

Campbell schreibt, wie gesagt, äußerst fantasievoll, manchmal mit schonunsloser Brutalität und ekelerregender Genauigkeit, was aber gut in den Roman passt. Kriege, Kämpfe und Manöver sowie Ausstattung der Luftschiffe wirken schlüssig und gut recherchiert, ziehen sich aber meiner Meinung nach manchmal unnötig in die Länge. "Scar Night" ist der erste Teil einer Trilogie, schließt jedoch recht sauber ab, worüber ich froh bin, weil die nächsten Teile wohl nicht so schnell in meinem Regal landen werden. Wenn überhaupt. Schade eigentlich, denn die Idee ist wirklich gut, aber irgendwie ist der Funke nicht übergesprungen... 

Ich vergebe 2 von 5 Wolken.

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