Sonntag, 1. September 2013

"Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer

"15. Jänner
Betreff: Abbestellung
Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen. Geht das auf diesem Wege? Freundliche Grüße,
E. Rothner.

18 Tage später
Betreff: Abbestellung
Ich will mein Abonnement kündigen. Ist das per E-Mail möglich? Ich bitte um kurze Antwort.
Freundliche Grüße, E. Rothner.

33 Tage später
Betreff: Abbestellung
Sehr geehrte Damen und Herren vom "Like"-Verlag, sollte Ihr beharrliches Ignorieren meiner Versuche, ein Abonnement abzubestellen, den Zweck haben, weitere Hefte Ihres im Niveau leider stetig sinkenden Produkts absetzen zu können, muss ich Ihnen leider mitteilen: Ich zahle nichts mehr! Freundliche Grüße, E. Rothner.

Acht Minuten später
AW:
Sie sind bei mir falsch. Ich bin privat. Ich habe: woerter@leike.com. Sie wollen zu: woerter@like.com. Sie sind schon der Dritte, der bei mir abbestellen will. Das Heft muss wirklich schlecht geworden sein."


"Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer

Verlag: Deuticke (2006)
Format: HC, 223 Seiten
ISBN: 978-3-552-06041-8
Preis: 17,90 € [D]

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Inhalt


Als Emmi ihr Abonnement für eine Zeitschrift kündigen will, gerät sie versehentlich an Leo, mit dem sich daraufhin ein reger Email-Kontakt entwickelt. Am Anfang scheint es nur ein Spiel zu sein und beide versuchen, sich den jeweils anderen vorzustellen, sein Alter, sein Aussehen, seine Eigenheiten. Schließlich führt eins zum anderen und der Wunsch materialisiert sich, sich kennen zu lernen. Doch beide haben Angst, denn Emmi ist glücklich verheiratet und Leo glaubt, dass eine reale Begegnung ihren Wunschvorstellungen niemals gerecht werden kann...


Meine Meinung


Ich habe dieses Buch innerhalb eines Tages in wenigen Stunden verschlungen und spürte immer noch die Nachwirkungen. Es hat mich wirklich tief berührt!

Der Roman setzt sich aus den Emails zusammen, die sich beide Protagonisten abwechselnd über Monate hinweg schreiben. Auch die charakterlichen Angaben gehen nur aus diesen hervor und es ist äußerst spannend, was man alles aus den Zeilen herauslesen kann oder herauszulesen glaubt. Der Leser ist quasi live mit dabei wie Emmi und Leo sich kennen lernen, macht sich die selben Gedanken, zieht die gleichen Schlüsse. Die Emails werden immer länger, immer philosophischer und die Beziehung immer enger, doch wohin wird das führen? Kann es überhaupt zu etwas führen? Wegen jenen Fragen und weil eine Email immer zur nächsten führt, kann man dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen.

Glattauer spricht eine wichtige Thematik der heutigen Gesellschaft an, nämlich die Diskrepanz zwischen dem Alltagscharakter und der Person, die man im virtuellen Raum oder generell im Schriftverkehr ist. Stelle ich mich auch als anderen Menschen dar, wenn ich schreibe? Das fragt man sich zwangsläufig während der Lektüre und für mich lautet die Antwort ganz klar: ja! Ich fühle mich beim Schreiben sehr viel wohler als beim Sprechen, komme mehr aus mir heraus und fühle mich generell wohler, weil meine Finger meine Gedanken sehr viel besser ausdrücken können als mein Mund. Auch Emmi scheint es so zu gehen, denn durch den Email-Kontakt mit Leo blüht sie auf und wird zu dem Menschen, der sie eigentlich sein will. Das führt natürlich zu Konflikten in ihrer "realen" Umgebung, denen sie sich irgendwann stellen muss.

Es ist spannend zu sehen, wie sich die Beziehung der beiden im Laufe der Zeit verändert. Wie Emmi plötzlich Eifersucht entwickelt, wie Leo darauf reagiert und was ans Tageslicht kommt, wenn die beiden betrunken sind. Und obwohl beide Charaktere grundverschieden sind, entwickelt man schnell Sympathie für sie. Okay, Emmi brachte ich etwas weniger Sympathie entgegen, denn sie begann schnell mich zu nerven. Dann jedoch erkannte ich mich selbst in ihr, was mich immer noch beschäftigt und mich mein (Schreib)Verhalten überdenken lässt. Danke!

Außerdem liebe ich die Ironie und den kecken Wortwitz, der einem von jeder Seite entgegenspringt, die Wahrheiten, zu denen man einfach nur nicken kann, und die unterschwellige Kritik an unserer heutigen computerbasierten Gesellschaft. 
"Es ist aus, denn es war nie an!"

"[...] ob Sie dreimal tragisch verheiratet, fünfmal glücklich geschieden oder täglich munter aufs Neue "noch frei" und in den Samstagnächten ausschweifend ledig sind."

"Alte Zeiten kann man nicht wiederholen. Wie schon der Name sagt, sind diese Zeiten alt. Neue Zeiten können nie wie alte Zeiten sein. Wenn sie es versuchen, wirken sie alt und verbraucht, so wie diejenigen, die sie herbeisehnen."
Warum schreiben wir wie wir schreiben? Warum sind wir im Internet vielleicht anders als wir es im Alltag sind? Für diese Denkanstöße und die wundervolle Liebesgeschichte vergebe ich 5 von 5 Wolken und zähle das Buch ab sofort zu meinen Lieblingsbüchern. Der Nachfolgeroman "Alle sieben Wellen" wartet schon auf dem Kindle ;-)

1 Kommentar:

  1. Ich habe dieses Buch auch in die Hand genommen - skeptisch - und es nicht mehr weggelegt, bis ich es durchgelesen hatte. Mich hat es ebenfalls sehr berührt (zumal ich zu der Zeit sogar dabei war, für jemanden Gefühle zu entwickeln, den ich nur von Mails her kannte und mich in guten wie schlechten Dingen wiedererkannt hatte).

    Den Folgeband kenne ich nicht, ich bin gespannt, ob er dir genauso gefällt.

    Liath

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)