Donnerstag, 22. Mai 2014

"Die Lügen des Locke Lamora" von Scott Lynch

"Mitten in jenem langen, verregneten Sommer des Siebenundsiebzigsten Jahres von Sendovani begab sich der Lehrherr der Diebe von Camorr in den Tempel des Perelandro und stattete dem Priester ohne Augen einen unverhofften Besuch ab. Er hoffte inbrünstig, er könne ihm den Lamora-Jungen verkaufen. "Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen", begann er vielleicht ein wenig ungeschickt das Gespräch. "Etwa in der Art, wie du mir Calo und Galdo angedreht hast?", höhnte der Priester ohne Augen. "Ich bin immer noch dabei, diesen beiden Blödmännern sämtliche schlechten Eigenschaften auszutreiben, die sie bei dir gelernt haben, und ihnen die Unarten beizubringen, die mir von Nutzen sind.""


"Die Lügen des Locke Lamora" von Scott Lynch

Verlag: Heyne (2007)
Format: TB, 845 Seiten
ISBN: 978-3-453-53091-8
Preis: 14,00 € [D] 
Originaltitel: "The Lies of Locke Lamora" (2006)

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Inhalt


Das Leben des jungen Locke Lamora ändert sich schlagartig, als er vom alten Chains und seiner Bande aufgenommen wird. Sie geben vor, Priester zu sein, unter dem Tempel horten sie aber Schätze, die sie reicher als den Herzog der Stadt machen. Sie sind Gentlemen-Ganoven, machen sich einen Spaß daraus, die Aristokraten hinters Licht zu führen und auf dreiste Art und Weise um deren Vermögen zu bringen. Keiner darf davon wissen, denn sie verstoßen gegen den Geheimen Frieden, ein Abkommen, das der König der Diebe mit der Obrigkeit arrangiert hat. Doch dann taucht der geheimnisvolle Graue König auf und zerstört rücksichtslos alles, was sie sich aufgebaut hatten...

Meine Meinung


Dieses Buch habe ich vor Jahren in einem Buchladen in Freiburg gekauft, der nur Fantasy-Romane führte. Ich liebte den Laden und war jedes Mal dort, wenn ich in Freiburg war. Leider gibt es den Laden jetzt nicht mehr, aber ein paar Bücher sind mir als Erinnerung geblieben. So auch dieses hier, wobei es mich ärgert, dass kurz nach meinem Kauf das Cover geändert wurde und die Trilogie jetzt einheitlich daherkommt. Bei Gelegenheit werde ich mein Buch tauschen und mir dann noch die anderen Bände zulegen, denn Scott Lynch ist nahezu genial.

Zugegeben, Lynch hat ein Faible für detaillierte Ausschmückungen, die nicht jedermanns Sache sind. Auch mir war es manchmal fast zu viel. Andererseits braucht diese Welt, die komplett aus seiner Feder stammt, Erklärungen und Beschreibungen und sie helfen einem auch dabei, sich schnell in die Geschichte hineinzuversetzen. Lassen wir ihm also seine Freude am Beschreiben ;)

Die Charaktere sind allesamt sympathisch und angenehm menschlich mit ihren Stärken und Schwächen. Die Sprache, die Lynch für die Gentlemen-Ganoven gewählt hat, ist zwar oft recht derb, aber auf eine angenehme und authentische Art und Weise. Oft kann man sich angesichts des trockenen Humors ein Grinsen einfach nicht verkneifen.

"Geborgt", erklärte Chains, "auf ziemlich permanenter Basis [...]" (Pos. 2136)

"Falls du einmal einem Soldmagier von Angesicht zu Angesicht begegnest, machst du am besten einen Kratzfuß und ziehst den Kopf ein. Und vergiss die respektvolle Anrede nicht; [...]" (Ende des Rückblick-Kaptiels) "Hübscher Vogel, du Arschloch", meinte Locke. (Pos. 4588)

[...] eine Summe, die dazu angetan war, dem Kutscher ein schlechtes Gedächtnis zu bescheren." (Pos. 10258)

Und auch der Himmel litt an Katzenjammer. (Pos 11363)

Wenn Lynch beschreibt wählt er jedoch eine andere Sprache. Sie ist elegant und persönlich mag ich sie sehr gern, doch sie kann schwierig werden und ist nicht immer flüssig zu lesen. Ich war außerdem froh, auf dem Kindle zu lesen (ich hab mir die Ebook-Version besorgt um nicht jeden Tag das Buch mitschleppen zu müssen), denn so konnte ich die vielen Fremdwörter nachschlagen, die Lynch mit Leidenschaft verwendet.

Die Aktionen, die Locke sich immer ausdenkt um an Geld oder Anderes zu kommen, sind einfach nur genial. Die Coups sind ausgeklügelt bis zum geht nicht mehr und man fragt sich, ob Lynch in seinem letzten Leben vielleicht selbst mal Trickbetrüger war. Und wie Locke sich immer aus auswegslos scheinenden Situationen befreit - einmalig. Doch obwohl er immer einen Ausweg findet, wirkt die Story nie unrealistisch. Locke muss viele Niederlagen einstecken, seine Schwächen wurden deutlich herausgearbeitet. Ein großer Pluspunkt gegenüber Büchern, in denen die Helden unfehlbar und unverwundbar scheinen.

Schwierigkeiten könnten dem ein oder anderen Leser die verflochtenen Handlungsstränge bereiten, verbunden mit Rückblicken und Zeitsprüngen. Lynch hat sowohl die Kindheit und Ausbildung der Jungs, als auch die aktuellen Geschehnisse in das Buch gepackt. Die aktuellen Geschehnisse verlaufen außerdem ebenfalls mehrsträngig. Einen großen Teil nimmt das "Don Salvara"-Spiel ein, der groß angelegte Betrug an einem Aristokratenpaar. Seine Fehde mit dem Grauen König verläuft ab etwa der Mitte parallel, bis sich die Stränge am Schluss sogar kreuzen. Unterbrochen wird alles weiterhin von kleinen Zwischenspielen, die entweder die Vergangenheit beleuchten, oder Informationen zur Geschichte der Stadt geben. Anfangs mögen diese vielleicht etwas nervig wirken, denn sie unterbrechen die Story immer genau an den spannendsten Stellen. Nach einer Weile wird aber deutlich, dass diese immer zum weiteren Handlungsverlauf hinführen. Clever gemacht!

Ein tolles Buch, das eine einzigartige Fantasy-Welt beschreibt. Hin und wieder etwas zäh, im Großen und Ganzen jedoch absolut genial. Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

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