Sonntag, 11. Januar 2015

"Niemand liebt November" von Antonia Michaelis

"Am Anfang war das Licht. Ein warmes, gelbes Licht in der Dunkelheit. Vor dem Licht waren da nur die Tropfen an der Scheibe gewesen, beleuchtet von der schmutzigen Resthelligkeit der Großstadtnacht. Die Tropfen sahen aus wie Tränen. Natürlich waren es keine Tränen, es war nur der Regen. Alles war immer nur irgendetwas anderes."



"Niemand liebt November" von Antonia Michaelis

Verlag: Oetinger (2014)
Format: HC, 432 Seiten
ISBN: 978-3-7891-4295-6
Preis: 17,99 € [D] 

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Inhalt


Erstens: Ist es sinnvoll, weiterzuleben? Zweitens: Ist es sinnvoll, alleine Geburtstag zu feiern? Diese Fragen stellt sich die kleine Amber, als sie an ihrem sechsten Geburtstag erkennen muss, dass ihre Eltern nicht mehr in die gemeinsame Wohnung zurückkehren werden. Was ist passiert? Wer hat sie getrennt? Nach Jahren, die sie in unterschiedlichen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien zugebracht hat, entdeckt Amber endlich eine heiße Spur, die sie in eine Kneipe namens Bottled führt, und von dort aus Stück für Stück näher zu ihrem Vater. Doch ein rätselhafter Schatten folgt ihr und bedroht sie. Der Tag, an dem sie ihre Eltern finden wird, wird ihr letzter sein, schreibt er in seinen regelmäßigen Drohbriefen. Doch Amber kann nicht aufgeben. Jetzt, wo sie so nah dran ist...


Meine Meinung


Ich war schlichtweg süchtig nach diesem Buch. Von der ersten Seite an hat es mich gefesselt und meine Gedanken haben sich nur noch darum gedreht. Und auch jetzt noch verfolgt mich die dramatische Geschichte der 17-jährigen November alias Amber.

Hauptaugenmerk des Romans liegt auf Ambers Geschichte und man erfährt besonders viel über sie und ihr Gefühlsleben. Ich konnte mich von Anfang an sehr gut in sie hineinversetzen und ihre Ängste und Wünsche nachvollziehen. Ungewöhnlich an der Erzählweise ist, dass Michaelis die Dialoge, die Amber aufgrund ihrer Einsamkeit mit ihrer Katze führt, wie realistische Gespräche erscheinen lässt:

[...] Sie kontrollieren nachts nicht. "Manchmal", sagte Amber. Manchmal, sagte die Katze. Meistens nicht. Sie werden erst morgen merken, dass dein Bett leer ist. Und auch dann werden sie sich zuerst keine Sorgen machen. Sie kennen dich. "Sie kennen mich nicht", wisperte Amber. "Keiner kennt mich. Vor allem nicht die." (S.11)

Amber hat über die Jahre ein rege Fantasie entwickelt, die es ihr neben diesen Gesprächen auch ermöglicht, sich in eine Katze zu verwandeln um die Umgebung besser beobachten zu können oder Orte zu erreichen, zu denen sie als Mensch keinen Zugang hat. Wie schon in "Der Märchenerzähler" ist es Michaelis damit gelungen, Fakten und Fiktion so geschickt zu verweben, dass man nie weiß, was was ist, beziehungsweise lange mit einem Fragezeichen über dem Kopf da sitzt, weil man einfach nicht verarbeiten kann, was man da gerade gelesen hat.

Die Autorin spielt mit Vermutungen und Annahmen, die sie in einem Kapitel bestätigt, im nächsten jedoch wieder ins Wanken bringt, was die Spannung konstant bleiben lässt. Das ist das, was mir so sehr an ihrem Stil gefällt. Dass man so lange auf den Wogen der Ungewissheit treibt und eigentlich erst ganz zum Schluss erfährt, was Realität ist - und das auch hier verbunden mit einem Schlag ins Gesicht. Ich war wirklich fassungslos, als ich die letzten Kapitel las. Obwohl ich das eigentlich hätte ahnen müssen, denn schon "Der Märchenerzähler" war so aufgebaut.

Die krassen Wendungen in diesem Roman und die erschreckenden Szenen erwartet man einfach nicht zwischen diesen Buchdeckeln und nach dem anfangs fantastischen, fast schon romantischen Touch. Doch plötzlich - ich kann rückblickend gar nicht genau sagen, wann - kippt das ganze in pure Dramatik, die mich teilweise die Hand vor den Mund schlagen ließ, so entsetzt war ich. Was besonders erschreckend ist, ist, dass diese Szenen jungen Mädchen und Frauen so oder so ähnlich immer wieder widerfahren - auch hier in Deutschland.

Michaelis ist eine Wortkünstlerin. Ein Talent, das sich in diesem Buch auch in Form von modernen Gedichten äußert, die jedes Kapitel einleiten. Ich glaube, ich werde das Buch allein der Gedichte wegen nochmal durchgehen und mich noch mehr mit diesen selbst befassen. Sie sagen sicher noch viel mehr aus, als man beim ersten Lesen erfassen kann.

Ich kann zusammenfassend nur noch einmal sagen, dass dieses Buch der Hammer ist. Fesselnd und spannend von der ersten bis zu letzten Seite. Ich würde mehr vergeben, wenn ich könnte, doch so bekommt dieser Roman 5 von 5 Wolken.

Kommentare:

  1. Bei diesem Buch weiß ich nicht so recht, ob das etwas für mich. Aber auch bei deiner Rezension schwingt die Begeisterung mit. Vielleicht sollte ich es mir noch einmal überlegen.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Ich bin sehr begeistert von dem Buch, ja, kann aber natürlich nicht beurteilen, was andere davon halten. Dass viele Leser davon überzeugt sind, muss ja auch nicht heißen, dass es gerade für dich etwas ist... Vielleicht kannst du bei Gelegenheit einfach mal reinschnuppern und dann entscheiden :)

      Liebste Grüße
      Jacy

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    2. "Keiner liebt November" ist eines der Bücher, um die ich schon lange rumtänzle und die ich eigentlich ganz unbedingt lesen will. Aber irgendwie schiebt sich dann immer ein anderes dazwischen. Jedes Mal wenn ich so begeisterte Rezensionen lese, kribbelt's ja dann aber doch wieder in den Fingern... eines Tages! ;)

      Liebe Grüße
      Ivy

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    3. Unbedingt, liebe Ivy! ;)

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)