Samstag, 11. Juli 2015

"Die Farbe Lila" von Alice Walker

"Lieber Gott,

ich bin vierzehn Jahre alt. Ich bin immer brav gewesen. Vielleicht kannst Du mir ein Zeichen geben, daß ich weiß, was mit mir passiert. Im Frühjahr, wo der kleine Lucious gekommen war, hab ich das Theater mitgekriegt. Er zerrt sie am Arm. Sie sagt, es is zu früh, Fonso, mir gehts nich gut. Da läßt er sie endlich in Ruh. Eine Woche vergeht, er zerrt sie wieder am Arm. Sie sagt, nä, ich kanns nich. Siehste nich, daß ich halb tot bin, und dann die ganzen Kinder hier. Dann is sie rüber nach Macon, zum Doktor von ihrer Schwester. Ich mußt für die andern sorgen. Kein freundliches Wort hat er mir gegeben. Sagt nur, du machst jetzt, was deine Mama nicht wollen hat."



"Die Farbe Lila" von Alice Walker

Verlag: Rowohlt (1989)
Format: TB, 213 Seiten
ISBN: 3 499 15427 7
Originaltitel: The Color Purple (1982)

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Inhalt


Celie wird in einer von Männern dominierten Welt groß, in der ihr nur Gewalt und Häme entgegengebracht werden. Doch dann lernt sie Shug Avery kennen, die mondäne Sängerin und Geliebte ihres Mannes. Durch sie entdeckt sie ihre Weiblichkeit und und die Lust an Sexualität. Sie entdeckt ihre Stärke und wird vom hässlichen Entlein zum selbstbewussten Schwan.


Meine Meinung


Dieser Roman lag schon längere Zeit auf meinem SuB. Ich kenne den Film seit vielen Jahren und wollte nun auch die Vorlage dazu lesen. Und ich musste feststellen: der Film ist wirklich außerordentlich gut gemacht und sehr nahe am Roman. Die fabelhafte Whoopi Goldberg glänzt in der Rolle der Celie und stellt einmal mehr ihr schauspielerisches Talent unter Beweis.

"Die Farbe Lila" vereint viele wichtige Themen in sich. Es geht um das Leben der Schwarzen in ländlichen Gegenden der Südstaaten anfang des 20. Jahrhunderts, mit besonderem Schwerpunkt auf dem der Frauen. Mangelnde Bildung wird behandelt, häusliche Gewalt, aber auch Homosexualität, Glaube und Emanzipation. Die zweite Hälfte des Romans wird zu großen Teilen von Briefen von Celies Schwester Nettie aus Afrika eingenommen. Darin erzählt sie von der Missionarsarbeit, die sie dort verrichtet, und der zunehmende Bedrohung der Eingeborenen in den Kolonien durch das Mutterland England. Damit wird das Buch um ein weiteres Land und eine andere Gesellschaft erweitert.

Der Roman strotzt nur so von starken Frauen. Shug Avery als das erfolgreichste Beispiel, weil sie es als Blues-Sängerin zu großer Berühmtheit gebracht hat. Dann aber auch Sofia, die zurückschlägt, wenn ihr Mann, der in ihrer Gegenwart unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, versuchsweise die Hand gegen sie erhebt, obwohl er sie eigentlich über alles liebt und die ins Gefängnis geht, weil sie nicht das Dienstmädchen der weißen Bürgermeisterin sein will. Und auch Celies Schwester Nettie, die, nachdem sie von zu Hause vertrieben wird, als Missionarin nach Afrika geht und für eine bessere Welt kämpft.

Im Mittelpunkt steht aber Celie, die man einfach mögen muss. Sie ist so unbeholfen und schmerzhaft unterwürfig, dass man sie meist einfach nur gerne in den Arm nehmen würde. Der Roman besteht aus Briefen, die sie an Gott schreibt und ihre mangelnde Bildung, ein Los, das sie mit den meisten Mädchen der damaligen Zeit teilt, drückt sich in ihrer Sprache und Rechtschreibung aus, was dem Roman große Authentizität verleiht. Ihre kindlich ehrlichen Erzählungen ermöglichen einen ungetrübten Blick auf die Geschehnisse um sie herum und man fühlt sich, als würde man mit der Familie unter einem Dach leben.

Dass Celie sich in eine Frau verliebt - noch dazu in die Geliebte ihres Mannes, mit der sie sich dann gegen ihn verbündet - ist, zumindest für mich, eine ganz neue Thematik im Vergleich zu anderen Büchern dieser Art. Ich finde es sehr schön, wie Celie durch Shug erfährt, dass man auch liebevoll mit dem Körper des Partners umgehen kann. Im Film kommt dieser Aspekt nicht so gut heraus wie im Buch, denn hier wird wirklich von Liebe gesprochen und auch nicht davon, dass die bisexuelle Shug Celie mit ihrem Freiheitsdrang das Herz bricht.

Es ist unglaublich, wie viel in diesem kleinen, nur etwas über 200 Seiten starken Büchlein verarbeitet wurde! Der ganze Roman ist durchzogen von Veränderungen und Entwicklungen. Jeder lernt, jeder erlangt Einsichten und arbeitet an sich. Ich vergebe 5 von 5 Wolken.

1 Kommentar:

  1. Wundervolles Buch, genau wie der Film! Ich hab es über viele Jahre bestimmt schon 3mal gelesen;-)
    LG Antje

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)