Mittwoch, 22. Juli 2015

"Nirgendwo in Afrika" von Stefanie Zweig

"Rongai, den 4. Februar 1938
Meine liebe Jettel! Hol Dir erst mal ein Taschentuch, und setz Dich ganz ruhig hin. Du brauchst jetzt gute Nerven. So Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen. Jedenfalls viel früher, als wir je zu hoffen wagten. Seit meinem letzten Brief aus Mombasa, den ich Dir am Tag meiner Ankunft schrieb, ist so viel passiert, daß ich immer noch ganz wirr im Kopf bin. Ich war nur eine Woche in Nairobi und schon sehr niedergeschlagen, weil mir jeder sagte, daß ich mich hier ohne Englischkenntnisse gar nicht erst nach einer Arbeit in der Stadt umzusehen brauchte."



"Nirgendwo in Afrika" von Stefanie Zweig

Verlag: Heyne (2000/1995/1996)
Format: TB, Sammelband, 364 Seiten + 334 Seiten
ISBN: 3-453-17202-7

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Inhalt


Als sich in Deutschland der Zweite Weltkrieg anbahnt, fliehen Walter, Jettel und ihre Tochter Regina in das ferne Afrika. Doch während Regina dort richtig aufblüht, erscheint ihren Eltern das Leben dort  hart und voller Entbehrungen. Ihre Ehe steht auf Messers Schneide und schließlich muss die Familie eine Entscheidung treffen.


Meine Meinung


Vor ein paar Jahren habe ich einen Sammelband auf dem Flohmarkt erstanden, der die Romane "Nirgendwo in Afrika" sowie den Folgeroman "Irgendwo in Deutschland" enthält. Diese Rezension bezieht sich auf Ersteres und um in meiner Rezensionsübersicht keine Verwirrung zu stiften habe ich für diese Rezension ein anderes Cover gewählt.

Die Autorin Stefanie Zweig verarbeitet in diesem und den anderen Romanen der Reihe ihre eigenen Erlebnisse mit der Emigration nach Afrika während des Zweiten Weltkriegs. Ihre Erfahrungen und detailierten Erinnerungen spürt man auf jeder Seite. Das ganze Buch ist voll von tiefgründigen Beobachtungen von Land und Leuten sowie der inneren Zerrissenheit und dem nachvollziehbaren Gefühl der Heimatlosigkeit der Eingewanderten. Dabei geht sie nicht nur von den Ansichten des Kindes aus, das sie damals war, sondern geht auch - beziehungsweise, eigentlich vor allem - auf die Schwierigkeiten der Erwachsenen ein.

Der Roman zeigt auf eindrückliche Weise, wie sehr ein Land Menschen und ihre Gewohnheiten verändern kann. Für mich wurde das besonders am Beispiel von Jettel deutlich, die in Deutschland recht wohlhabend, um nicht zu sagen verwöhnt war, und sich nur schwer an die Einfachheit in Afrika anpassen kann. Anfangs mochte ich sie nicht besonders gerne und ich hätte sie teilweise gerne genommen und geschüttelt. Wie konnte man nur so blind gegenüber der Realität sein? Doch im Laufe des Buches konnte ich Verständnis für sie aufbringen. Ich nicht, und auch sonst keiner, der nicht Ähnliches durchgemacht hat, kann sich anmaßen, über die Empfindungen eines Flüchtlings zu urteilen - das hat mich dieser Roman gelehrt.

Die Thematik ist heute wieder sehr aktuell, weshalb ich das Buch als besonders wertvoll empfinde. Es werden so viele Aspekte eines Lebens im Exil behandelt, deren Ausmaße man sich vielleicht unter anderen Umständen gar nicht bewusst geworden wäre, und auch wenn die Menschen damals zusätzlich noch mit Anderem zu kämpfen hatten - rückständischer Technik oder mangelnder Versorgung mit Waren beispielsweise - ist der Roman ein gutes und gelungenes Werk mit aktuellem Bezug.

Stellenweise war ich jedoch sehr skeptisch was die Schilderungen der Einheimischen angeht. Ich war noch nie in Afrika und ich kann Zweigs Schilderungen nichts als Vermutungen entgegensetzen, doch ich bin mir nicht sicher, ob die afrikanische Bevölkerung zu jener Zeit wirklich so unterwürfig und begierig darauf war, den Weißen als Köche und Gehilfen auf anderen Gebieten zu dienen. Die Familie hat zwar in Ouwur und Anderen gute Freunde und Gefährten gefunden, doch die Verhältnisse schienen mir teilweise von einem starken Machtgefälle geprägt. Wie gesagt, ich kenne mich mit der Thematik nicht sehr gut aus, ich möchte nur erwähnen, dass mich Manches stutzen ließ. Gerne lasse ich mich aber in der Hinsicht belehren.

Insgesamt möchte ich 4 von 5 Wolken für diesen Roman vergeben. Ich bin gespannt auf den Folgeroman und die anderen Bücher, die sich auf dieses Thema beziehen.

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