Dienstag, 4. August 2015

"Robin & Jennifer" von Elke Weigel


"Wenn es wehtat, verschwand die Traurigkeit. Zwölf Stufen. Robin saß auf der obersten, rutschte ein wenig hin und her und spürte durch den Stoff ihres Matrosenkleides hindurch das glatte Eichenholz. Gestern hatte sie die Trittflächen mit Wachs polieren müssen, wie jeden Samstag. Ihre Arme und Knie schmerzten heute noch. "Roberta! Wo bleibst du schon wieder?" Tante Erna rief nach ihr. Robin ließ ihre Absätze über die Kante der elften Stufe rutschen. Fast reichten ihre ausgestreckten Beine bis zur achten. Sie schlug die Spitzen ihrer geknöpften Stiefel aneinander, trotz der schwarzen Wichse sah man, wie alt und verknittert das Leder bereits war. Mit den Zehen wackeln konnte sie darin nicht."



"Robin & Jennifer" von Elke Weigel

Verlag: Konkursbuch (2014)
Format: TB, 347 Seiten
ISBN: 978-3-88769-738-9
Preis: 10,90 € [D] 


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Inhalt


Robin und Jennifer leben in verschiedenen Gesellschaftsschichten, doch sie spüren beide, dass sie nicht so recht in die Welt passen, in die sie hineingeboren wurden. Zu ihrem Glück ist die Welt im Wandel und schließlich finden sie einen Ort, an dem sie freier sein können, als in ihrer jeweiligen Heimat. Dennoch ist ihre Liebe bedroht...


Meine Meinung


Wow! Dieses Buch ist bisher das Highlight des Jahres und entspricht so genau meinem Geschmack, dass es mich fast erschrocken hat. Vor allem, weil ich das Buch nur zufällig beim Bummeln in der Bibliothek entdeckt habe... doch diesem eindrücklichen und überaus schön gestalteten Cover konnte ich mich einfach nicht entziehen.

Die Protagonistinnen Robin und Jennifer wurden in unterschiedliche Gesellschaftsschichten im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts hineingeboren und haben damit auch unterschiedliche Freiheiten und Möglichkeiten. Die Liebe zu Frauen verbindet sie, doch obwohl die Geschichte sich im Kern um die Beziehung der beiden zueinander Protagonistinnen dreht, nehmen die Einzelbiographien den größten Teil des Buches ein. Der Leser begleitet die beiden in abwechselnden Kapiteln von Kindheitstagen an und lernt sie so immer besser kennen.

Robin, eigentlich Roberta, Tochter eines verwitweten Apothekers, fühlt sich eingezwängt von dem Korsett, das Frauen zur damaligen Zeit auferlegt wird. Zum Leidwesen ihrer regelkonformen Tante kleidet sie sich am liebsten in Jungenkleider und erkundet so unbehelligt ihre Umgebung. Sie interessiert sich für Frauenrechtlerinnen und beginnt schließlich auch, sich politisch zu engagieren. Ihre Jugendliebe Paula kann sie jedoch nicht für sich gewinnen, denn diese beugt sich schließlich dem Druck, den die Gesellschaft auf sie ausübt, und heiratet einen reichen Farmer, wie es von ihr erwartet wird. Zum Glück bietet sich Robin daraufhin die Mäglichkeit, mit ihrem Bruder in Italien, in Monte Verità, ein neues Leben anzufangen.

Die junge französische Tänzerin Jennifer hingegen wächst unter Bohèmes auf, die ihre wohlhabende Mutter regelmäßig auf ihr Anwesen einlädt, und so fällt es ihr leichter, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich ganz der Kunst hinzugeben. Mit der Pianistin Sophie geht sie eine Affäre ein, doch Sophie ist flatterhaft und wendet sich schließlich von Jennifer ab. Wegen ihres fanatischen Stiefvaters fliehen Mutter und Tochter kurz darauf nach Italien, wo Jennifer und Robin schließlich aufeinander treffen.

Von Anfang an merkt man, wie unterschiedlich die beiden Frauen sind, was das Buch in den buntesten Farben schillern lässt und verschiedene Facetten des Frauseins zur damaligen Zeit beleuchtet. Doch Gegensätze ziehen sich an, und die beiden entdecken schließlich ihre Gefühle für einander. Homosexuelle Liebe wird zwar in dem von Freigeistern geprägten Ort nicht so kritisch beäugt wie in der Heimat, dennoch hat Robin Angst und unterdrückt ihre Gefühle, denn im Angesicht des Ersten Weltkriegs ist die Welt noch lange nicht bereit für Beziehungen dieser Art. Daran drohen die beiden beinahe zu zerbrechen und es bleibt spannend bis zur letzten Minute.

Wie gesagt, das Buch hat mich tief berührt und beinhaltet einfach alles, was ich mir von einem Roman dieser Art erhofft habe. Massenweise starke Frauen (man lernt mehr als nur eine interessante historische Frauenfigur kennen) und freiheitsliebende Künstlerinnen und Künstler, aber auch feministisch orientierte Männer wie Robins Bruder. Diese werden leider häufig vergessen, trugen aber maßgeblich zum Erfolg der Frauenrechtsbewegung bei. Aber auch andere Details und politische Informationen wirken besonders gut recherchiert und katapultieren den Leser direkt in die damalige Zeit.

Dass die Autorin selbst Tänzerin ist, merkt man übrigens deutlich an den mit besonderer Hingabe geschriebenen Tanzszenen Jennifers. Die Beschreibungen der Gefühle und der Bewegungsabläufe können eigentlich nur aus der Feder einer Tänzerin kommen und verleihen dem Roman somit eine ganz besondere Note.

Ich vergebe 5 von 5 Wolken und habe "Robin & Jennifer", wie ihr oben sicher gesehen habt, zu meinem (bisherigen) Liebling 2015 gekürt. Wenn ihr euch für die Thematik interessiert, dann lest das Buch! Unbedingt!

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