Mittwoch, 23. September 2015

"Traumfänger" von Marlo Morgan

"Man sollte meinen, es hätte irgendeine Warnung geben müssen, aber ich habe nichts dergleichen verspürt. Die Ereignisse hatten bereits ihren Lauf genommen. Meilen von mir entfernt saß eine Gruppe Raubvögel und harrte ihres Opfers. Das Gepäck, das ich erst vor einer Stunde ausgepackt hatte, würde am nächsten Tag mit dem Aufkleber "nicht abgeholt" versehen und in Aufbewahrung gegeben werden - viele Monate lang."



"Traumfänger" von Marlo Morgan

Verlag: Goldmann (1995)
Format: TB, 250 Seiten
ISBN: 3-442-43740-7 
Originaltitel: Mutant Message Down Under (1991)

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Inhalt


Marlo Morgan wird von einem Stamm der Aborigines eingeladen, mit ihnen auf Wanderschaft zu gehen. Von einem Tag auf den anderen verliert sie alles, was sie an Besitztümern bei sich hatte, doch auf der Reise gewinnt sie auch die Erkenntnis, dass alles im Universum seinen Platz und seine Berechtigung hat. Diese Botschaft des sterbenden Stammes soll sie zurück in "ihre" Welt tragen.


Meine Meinung


Dieses Buch wäre wundervoll - wenn es nicht auf einer einzigen Lüge basieren würde und ein Zeugnis der Arroganz und Respektlosigkeit der Autorin wäre. Denn entgegen ihrer ursprünglichen Behauptung, das Buch basiere auf ihren tatsächlichen Erlebnissen in Australien, hat Morgan das später revidiert. Sie hat sich NIE auf einer solchen Reise befunden. Und was mir beim ersten Lesen vor vielen Jahren noch nicht bewusst war, fiel mir jetzt, da ich selbst Australien bereist habe, umso schneller auf: das Buch strotzt vor Fehlern.

Doch lasst mich vorne beginnen. Morgan erzählt von ihren vermeintlichen Erlebnissen in Australien Ende des 20. Jahrhunderts. Als Dank für ihre Arbeit mit jugendlichen Aborigines wird sie von einem Stamm eingeladen, sie auf ihrer Wanderung durch die Wüste zu begleiten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten von schmerzenden Füßen bis zu sonnenverbrannter Haut lebt sich Morgan aber gut ein und wird nach und nach in die Geheimnisse der Aborigines eingeweiht. Schließlich erhält sie sogar eine Botschaft des aussterbenden Stammes, die sie zurück in die westliche Welt tragen soll.

Diese Botschaft und die Erkenntnisse, die Morgan im Verlauf ihrer Reise gewinnt, sind für mich im Grunde das einzig Positive an dem Roman. Es geht um die Beziehung des Menschen zur Natur und das Vertrauen in sich selbst. Der Mensch müsse wieder lernen, im Einklang mit der Welt und dem Universum zu leben, um die Welt retten zu können. Und damit hat Morgan recht, ganz gleich, woher sie dieses Wissen nun hat.

Auch gut gefallen hat mir die Beschreibung Australiens und der Mentalität der weißen Australier. Zu Anfang geht Morgan nämlich kurz auf australische Eigenheiten ein, erzählt von den Unterschieden der Sprache und der Gebräuche und von anderen kulturellen Gegebenheiten wie dem Bier. Sehr deutlich macht sie auch die Schwarz-Weiß-Problematik und die Schwierigkeiten der jungen Aborigines, sich in die moderne Gesellschaft zu integrieren. Bis heute gibt es diese Problematik und es gibt immer noch Menschen, die die Aborigines für Menschen zweiter Klasse halten.

Wenn man sich für diese Thematik interessiert gibt es jedoch zahllose Bücher, mit denen man besser beraten ist. Denn abgesehen von dem oben Genannten kann ich wirklich nicht viel Polisitves dazu sagen, denn der Roman ist voller Fehler. Zunächst einmal das Offensichtlichste. Was haben Aborigines, die Ureinwohner Australiens, mit Traumfängern zu tun, einem indianischen Kultobjekt? Laut Morgan tanzen die Aborigines Traumtänze mit auf Holzrähmen gespannten Spinnennetzen. Es gibt 200 - 700 verschiedene Aborigine-Stämme in Australien und ich kenne natürlich nicht die Gebräuche eines jeden einzelnen. Aber ich habe viel über Aborigines gehört und gelesen und so etwas wurde kein einziges Mal erwähnt.

Dann gab es noch einiges anderes, was mich misstrauisch werden ließ, wo ich mir aber nicht sicher bin, ob es auf Tatsachen beruht. Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass es keine wie im Buch beschriebene Höhlen im Uluru gibt und dass auch Opale dort nicht zu finden sind. Auch die Beschreibung der Kultgegenstände der Aborigines erschien mir unglaubwürdig. Was aber ganz sicher ein Fehler ist, oder zumindest eine sinnfreie Verschleierung der Tatsachen ist die räumliche Einordnung der Stadt, in der Morgan in Australien lebt. Sie bezeichnet sie als eine der schönsten Hafenstädte der Welt was nahe legt, dass sie sich in Sydney aufhält. Allerdings erwähnt sie auch die Cane Toads, eine bestimmte Art von Kröte, die es allerdings nur in Queensland, im Nordosten Australiens gibt - und dort gibt es keine große Hafenstadt.

Es gibt noch viele andere Fehler, die vor allem Australiern aufgedeckt worden sind. Diesen Text fand ich sehr interessant und halte ihn für eine der besten Reaktionen auf Morgans Buch.

Abgesehen vom Inhalt hat mir auch Morgans Schreibstil nicht sehr  zugesagt, obwohl die Einfachheit und teilweise Plumpheit die Lektüre kurzweilig machen. Vor allem gegen Ende geschieht es oft, dass Morgan Erzählfragmente einfach aneinander reiht, ohne sie mit dem Plot zu verknüpfen. Diese wirken wie kleine Einwürfe, kurze Gedanken, die dann fallengelassen und nicht weiter beachtet werden.

Insgesamt kann ich dieses Buch also in keinster Weise empfehlen und bin immer noch wütend über die Anmaßung, die sich die Autorin erlaubt hat. Verschiedene Quellen berichten, dass sich einige Aborigine-Stämme gegen die Darstellung in dem Roman gewehrt haben und sogar die geplante Verfilmung verhindert haben. Zum Glück! Ich vergebe 1 von 5 Wolken.

Kommentare:

  1. Hallo!

    Ich bin bei deiner Rezension jetzt richtig erschrocken, weil ich das Buch doch in sehr guter Erinnerung habe. Gut, ich habe das Buch vor 20 (!) Jahren gelesen, daher, ich war 12 und mir war gar nie bewusst, dass die Aborigines so dagegen angegangen sind bzw. auch nicht, dass so viele Fehler enthalten sind.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, das ist auch schon mindestens 10 Jahre her, sind mir die vielen Fehler auch noch nicht aufgefallen und ich fand es einfach nur zauberhaft. Schade, wie der Schein manchmal trügen kann...

      Liebe Grüße
      Jacy

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    2. Hallo Jacy,

      das spricht sehr für ein Re-Read und ich bin echt froh, dass ich deine Rezension dazu gelesen habe. Bisher habe ich es immer ganz bedenkenlos weiterempfohlen. Ab sofort sage ich bei Büchern dazu, dass es mir "damals" gut gefallen hat. Ja, interessant, wie sich das Empfinden ändert. Aber gut, man wird einfacher reifer und baut nunmal Erfahrungen auf.

      Wünsche dir ein schönes Wochenende!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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    3. Liebe Nicole,

      stimmt, so ein Zusatz ist wirklich sinnvoll, das werde ich mir jetzt auch angewöhnen, nachdem ich dieses Jahr einige Bücher nach langer Zeit wieder gelesen habe und zu einem anderen Urteil darüber kam.

      Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende!

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  2. Ich habe das Buch schon vor Jahren gelesen, es aber schon damals als weitschweifigen Ausdruck europäischer Sehnsucht nach Naturvölker-Kitsch aufgefasst. Dass allerdings so viel davon erfunden ist, ist doch bedenklich...

    LG, Julia

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  3. Hallo Jacy,

    Ich streife hier gerade ein wenig durch deine Rezensionen. "Traumfänger" habe ich zum ersten Mal gelesen, als ich etwa 15 war und in einer totalen Australien-Phase. Damals habe ich das Buch geliebt, habe aber auch fest geglaubt, dass die Autorin tatsächlich eigene Erlebnisse beschreibt. Als ich später mitbekommen habe, dass das Buch frei erfunden ist, hat mich das ziemlich enttäuscht. Immerhin aber hat es bei mir ein großes Interesse an der Kultur und den Mythen der Aborigines geweckt und ich habe dann später einige Sachbücher zu dem Thema verschlungen.

    Ich befürchte ja leider, dass ich mit einer ganzen Reihe von Büchern, die ich als Jugendliche sehr mochte, jetzt nichts mehr anfangen könnte.

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)