Sonntag, 15. November 2015

"Junk" von Melvin Burgess

"Ein Junge und ein Mädchen verbrachten die Nacht auf dem Rücksitz eines Volvo-Kombis. Der Wagen stand in einer Garage. Es war stockdunkel. "Ich hab Hunger", beschwerte sich das Mädchen. Der Junge knipste eine Taschenlampe an und schaute in einen grauen Rucksack hinter sich. "Hier ist noch 'n Apfel." "Nö. Sind noch Chips da?" "Nee." Gemma seufzte und lehte sich zurück. Sie zog sich eine Decke über. "Kalt", sagte sie. "Gleich kommt Barry", sagte Tar. Er betrachtete Gemma im Schein der Lampe und zog fragend die Augenbraue hoch. "Tut's dir Leid, dass du mit bist?", fragte er. Gemma schaute zu ihm hinüber und lächelte. "Nö.""


"Junk" von Melvin Burgess

Verlag: Fischer (2004)
Format: TB, 367 Seiten
ISBN: 3-596-50792-8
Preis: 5  € [D] 
Originaltitel: Junk (1996)

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Inhalt


Tar flüchtet vor seinem brutalen Vater und seiner alkoholkranken Mutter und findet Zuflucht bei Hausbesetzern. Als seine Freundin Gemma nachkommt, sucht sie in erster Linie eines: Spaß. Doch während ihr Leben anfangs wirklich leicht und frei erscheint, gerät Gemma schon bald in den Bann von harten Drogen und zieht Tar schließlich mit hinein. Doch beide sind sicher: sie könnten jederzeit aufhören.

Meine Meinung


"Junk" ist ein weiter Roman aus der Gereration-Reihe des Fischer Verlags und behandelt, wie der Name schon vermuten lässt, das Thema Drogen. Der Roman ist jedoch viel komplexer, als er zunächst scheint.

Hauptpersonen sind die Teenager Tar und Gemma. Tar wird von seinem Vater geschlagen, seine Mutter ist alkoholkrank, weshalb er beschließt, von zu Hause abzuhauen, obwohl ein Leben auf der Straße garnicht zu dem gutmütigen und sanften Jungen zu passen scheint. Seine Freundin Gemma fährt ihm hinterher, hat jedoch im Gegensatz zu ihm - abgesehen von den üblichen Schwierigkeiten Heranwachsender mit den Eltern - keinen Grund dazu. Für sie ist das alles daher ein großes Abenteuer und sie nutzt die Gelegenheit, zum Punk zu mutieren, weil sie es cool findet.

Nach und nach rutschen die beiden dann in die Drogenszene ab, aus der sie sich nicht mehr befreien können, zumal ihr ganzer Freundeskreis darin steckt. Doch zunächst merken sie nicht, dass sie süchtig sind und sind sicher, jederzeit aufhören zu können...

Das Buch besteht aus kurzen Kapiteln, die abwechselnd aus der Sicht der wichtigsten Personen erzählt werden: von Tar und Gemma, von ihren Freunden Rob und Lily, von Richard, dem Hausbesetzer. Tars und Gemmas Kapitel nehmen jedoch den Großteil des Buches ein, und auf ihnen liegt auch der Fokus. Der ständig wechselnde Blickwinkel ermöglicht es dem Leser zum einen, die einzelnen Personen besonders gut kennenzulernen, zum anderen aber auch, den Verfall von außen zu betrachten. So war richtig geschockt als Richard, der Tar anfangs geholfen hat, ihn einige Zeit später gar nicht mehr wieder erkennt.

Die Charaktere gehen unter die Haut - sowohl im negativen, als auch im positiven Sinne. Tar habe ich sofort ins Herz geschlossen. Diesen sanften Jungen hätte ich ohne zu zögern bei mir aufgenommen, damit er seinem schweren Schicksal entkommt - und von der egoistischen Gemma befreit wird. Sie mochte ich absolut nicht, denn sie entwickelt sich von einem Modepunk zu einem Junkie, wobei sie Tar mit hineinzieht und ihn gnadenlos ausnutzt, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt. Besonders dramatisch fand ich die Tatsache, dass für Tar alles hätte gut werden können, wäre er nur bei Richard, Vonny und Jerry geblieben, den Hausbesetzern, bei denen er anfänglich wohnt, anstatt mit Gemma wegzugehen. Ich bin sicher, dass er dort hätte glücklich werden können, denn man kümmerte sich um ihn und war um ihn besorgt. Doch obwohl ich finde, dass Gemma an allem schuld ist, mochte ich die Botschaft, die sie vermittelt. Und gegen Ende konnte ich mich dann sogar langsam mit ihr anfreunden.

Das Pärchen Lily und Rob verkörpert alles, was Gemma sich für ihr Leben wünscht, obwohl Rob eine weniger wichtige Rolle in dem Roman spielt als seine Freundin. Lily ist zauberhaft und schwebt wie eine Fee durchs Leben. Ich konnte gut verstehen, warum Gemma sich von ihr angezogen fühlt. Wenn es nicht die Drogen gewesen wären, die Lily so unbeschwert machten, dann hätte sie eine starke und tatsächlich bewundernswerte Persönlichkeit sein können. Doch auch hier findet sich wieder die Tragik, die den Roman zu einem besonders eindringlichen Wek macht.

Als Lily dann schwanger wird, es jedoch trotzdem nicht schafft, clean zu werden, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Das ist der Punkt, an dem alle merken, dass sich etwas ändern muss - und an dem es dann nur noch steiler bergab geht. Mir gefällt die Linie, der der Roman damit folgt: Von anfänglicher Hochstimmung und Glück langsam abwärts in die Abgründe des menschlichen Daseins. Und an jedem Punkt dieser Kurve hat Burgess es geschafft, so über Gefühle und Gedanken, Wünsche und Hoffnungen zu schreiben, dass man als Leser mittendrin statt nur dabei ist. Er beschönigt nichts und es gab viele Stellen, bei denen ich schwer schlucken musste.

Eine besondere Komponente des Romans ist die der Hausbesetzer-Szene, die vor allem anfangs ausführlich beschrieben wird. Diese Bewegung war in den 80er Jahren besonders aktuell, und in dieser Zeit spielt auch Burgess' Roman. Er gewährt dem Leser einen kleinen Einblick in diese Subkultur und ich fand es sehr interessant zu lesen, dass es nicht selten einen Initiator gibt, der Hausbesetzungen quasi nebenberuflich anleitet und sozusagen an Bekannte "vermietet". Auch die Aktionen, die die Anarchisten starten, um ein Zeichen gegen den Kapitalismus zu setzen, geben dem Buch eine ernsthafte politische Note.

"Das Buch entspricht keinen Tatsachen, ergreift nicht Partei. Aber es ist alles wahr, jedes Wort." lauten die letzten Sätze in der Anmerkung des Autors. Und damit hat er tatsächlich recht. Ich vergebe 4 von 5 Wolken.

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