Samstag, 2. April 2016

"Die Kunst, Chanel zu sein" von Coco Chanel

"Was wir bei unserem Gespräch heute Abend hier vor Augen haben, ist nicht der Puy de Dôme meiner Kindheit, sondern das Gebirgsmassiv der Bernina. Wir sind ja auch in Sankt Moritz und nicht in der Auvergne, in jenem düsteren Haus, wo einst ein stolzes und verschlossenes kleines Mädchen Aufnahme fand, ohne jegliche Begeisterung oder gar Herzlichkeit. Hier, in diesem hell erleuchteten Hotel, wo die Reichen ihr Vergnügen und ihre betriebsame Erholung suchen, will ich Ihnen aus meinem bisherigen Leben erzählen."


"Die Kunst, Chanel zu sein" von Coco Chanel

Verlag: SchirmerGraf (2009)
Format: HC, 280 Seiten
ISBN: 978-3-8655-068-2
Originaltitel: L'Allure de Chanel (1976)

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Inhaltsangabe


Coco Chanel, die erste Unternehmerin, die mit Stil, Eleganz und eiserner Disziplin ein Weltimperium schuf, wusste, worauf es ankommt. Sie erfand das kleine Schwarze, schnitt alte Zöpfe ab und lebte vor, dass es großen Spaß macht, selbst Geld zu verdienen. Geschenkausgabe mit zahlreichen Photos weltberühmter Photographen.

Meine Meinung


Wie ich bei Gemeinsam Lesen schon einmal schrieb: Ich bin modisch überhaupt nicht interessiert, Merkenkleidung und Designer können mich nicht großartig begeistern. Und Coco Chanel ist eine sehr zwielichtige Person - man denke nur an ihre Karriere als Nazi-Spionin (ein dunkles Kapitel, welches in diesem Buch wohl nicht auftauchen dürfte) - aber ich finde sie dennoch faszinierend, denn sie revolutionierte quasi im Alleingang und auf ihre eigne Weise das Leben der Frau. Schlichte aber elegante und angenehm zu tragende Kleidung war meiner Meinung nach ein großer Schritt in Richtung Freiheit der Frau.

Das ist der Grund, warum ich dieses Buch lesen wollte. Ich wollte mehr über Chanels Sicht der Dinge wissen, erfahren, wie sie über die Frauen ihrer Zeit dachte und wie es dazu kam, dass sie so großen Erfolg hatte. Ich wusste durch Rezensionen, dass das Buch kein umfassendes Bild ihrer Person zeichnet. Ihre Karriere als Nazi-Spionin beispielsweise wird dort überhaupt nicht erwähnt. Das ist aber auch nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass es hier Chanel selbst ist, die über sich erzählt. Und da sie ohnehin als notorisch unehrliche Person bekannt war, sollte man hier auch nicht alles für bare Münze nehmen.

Erzählt wird, wie gesagt, von Chanel selbst. Aufgezeichnet wurde das ganze von Paul Morand, der auch das Nachwort verfasst hat. Hierzu komme ich später noch einmal. Sie geht dabei nicht chronologisch vor, was ich schade finde, denn es verwirrt mich immer, wenn biographische Erzählungen zeitlich durcheinander sind. Nachdem sie in mehreren Kapiteln ihre Kindheit, Jugend und ihr frühes Erwachsenenalter beschreibt, ergeht sie sich in kapitellangen Ausführungen über Freunde und Bekannte. Diese Kapitel haben mich sehr gestört, denn ich wollte etwas über Chanel erfahren und nicht über ihre Freunde. Andererseits: eines erfährt man darin über sie. Nämlich, dass sie wohl keine angenehme Zeitgenossin war und dass sie und ich wohl keine Freundinnen geworden wären. Ich war fassungslos als ich das Kapitel über ihre "Freundin" Misia las. Im Grunde zieht sie nur über sie her, zählt ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten auf und nennt sie am Ende dennoch ihre Freundin. 

Doch man muss Chanel zu Gute halten, dass sie sich selbst ebenso kritisch und unbarmherzig betrachtet, wie die anderen. Und das weiß sie auch:
"Was ich Ihnen erzähle, betont eher meine Fehler als meine Qualitäten. Ich habe ein paar recht reizvolle Qualitäten - und eine Menge unerträgliche Fehler." (S. 228) 
Insgesamt spiegelt das Buch sehr gut wieder, was für eine Person Coco Chanel war, dass ihr Erfolg nie ihre Intention war und dass sie einfach immer nur sie selbst sein wollte. Die Fotos, die teilweise zwischen den Kapiteln abgebildet sind, runden das Buch auf angenehme Weise ab und zeigten mir Bilder, die ich bisher nicht von ihr kannte. Vieles ist mit Fußnoten versehen, welche am Ende des Buches ausführliche erklärt, sodass man dadurch noch mehr Hintergrundwissen erhält. Auch das Nachwort von Morand deckt noch einmal einiges auf bzw. bestätigt es:
"Ein geheimnisvolles Geflecht aus Komplexen! Das ist Chanels Schattenseite, daraus erklärt sich ihr Schmerz, ihr Bedürfnis, wehzutun, zu strafen, daraus erklären sich aber auch ihr Stolz, ihre Strenge, [...]" (S. 204) 
Wie man an dieser Rezension sieht, gab es in diesem Buch einige Stellen, die ich zitieren wollte. Das passiert nicht oft, denn eigentlich mache ich mir nicht viel aus Zitaten. Hier war das anders und ich habe einiges markiert und herausgeschrieben. Chanel drückt auf fast erschreckend genaue Art und Weise aus, was sie denkt und fühlt, und teilweise habe ich mich darin wieder erkannt. Ihre Sprache ist sehr poetisch, und dabei bedarf sie nicht vieler Worte, um das auszudrücken, was sie ausdrücken will. Das hat mich sehr fasziniert und ist definitiv eine große Stärke des Buchs.

Ich hatte "Die Kunst, Chanel zu sein" schnell gelesen und mochte die Kapitel sehr, in denen sie nicht ausschließlich über ihre Freunde herzieht. Abgesehen von der Sprache hat mich das Buch ansonsten leider nicht übermäßig fesseln können und ich vergebe 3 von 5 Wolken. Mit einer reinen Chanel-Biographie wäre ich wohl besser beraten als mit diesem Werk, und ich hoffe, dass ich bald eine geeignete finden werde.

Kommentare:

  1. Das Buch ist mir noch nie aufgefallen, dabei interessiere ich mich sehr für Mademoiselle Chanel, konnte aber bisher erschienen Büchern nicht so viel abgewinnen. Auch wenn es etwas durchwachsen scheint, klingt es auf jeden Fall reizvoll.

    Danke für die Vorstellung!

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Welche hast du bisher denn schon gelesen? Kannst du trotzdem eines empfehlen, mit dem ich weitermachen könnte?

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)