Dienstag, 12. April 2016

"Die letzte Amerikanerin" von Elizabeth Ellen

"Er ist weiß, aber er bewegt sich wie ein Schwarzer aus einer Fernsehserie. Als wäre er George Jefferson, schreitet er durch unsere Wohnung, nachdem er meine Mutter gevögelt hat. Er zwinkert uns zu, wirft seine Schultern nach hinten und stolziert von einem Ende unseres Zwanzig-Quadratmeter-Wohnzimmers zum anderen, als würde er sich in der Mitte eines Boxrings in Vegas befinden und nur darauf warten, dass jemand die nächste Runde einläutet. Dann macht er sich ein Bier auf, zündet sich eine Marlboro an und erinnert uns daran, dass es nicht so ist."


"Die letzte Amerikanerin" von Elizabeth Ellen
Format: TB, 238 Seiten
ISBN: 978-3-86265-339-3
Preis: 14,95 € [D] 
Originalausgabe, aus der diese Auswahl stammt: Fast Machine (2012)

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Inhaltsangabe


Elizabeth Ellen ist nichts Menschliches fremd. In ihren Geschichten geht es um Sex und Schuld, Machtgefälle und Abhängigkeiten, Sehnsucht und Verlangen. Hart, ungeschönt und berührend zeichnet sie in Die letzte Amerikanerin ein Porträt von den Vereinigten Staaten unserer Tage. Zwölf mitreißende Storys über Gewalt, Zärtlichkeit und den unbändigen Wunsch nach Liebe. Und über das Abenteuer, eine Frau zu sein. (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Meine Meinung


Bei diesem Buch handelt es sich um eine Sammlung von 12 Storys, die aus Ellens Buch Fast Machine entnommen und übersetzt wurden. Der Titel des Buches entspricht dabei dem einer Kurzgeschichte. Ich entdeckte es dank des auffälligen Covers in der Bibliothek und zögerte nicht lange, es mitzunehmen.

Zunächst dachte ich, ich hätte wirklich 12 verschiedene Geschichten über 12 verschiedene Menschen in der Hand. Tatsächlich hängt ein Großteil der Storys zusammen und berichtet chronologisch rückwärts verlaufend vom Leben der jungen Erin. Als ich mich daran gewöhnt hatte kam dann plötzlich der Sprung zu einer anderen Protagonistin, was ich jedoch erst merkte, als beiläufig deren Name erwähnt wurde. Von dort an hat jede Geschichte eine eigene Protagonistin - einmal sogar die Autorin selbst (oder jemanden ihres Namens).

Dennoch haben die Geschichten durchweg eines gemeinsam: "Sex und Schuld, Machtgefälle und Abhängigkeiten, Sehnsucht und Verlangen", wie es auf der Rückseite des Buches zusammengefasst wird. Und diese Beschreibung passt. Niemand in dem Buch ist wirklich glücklich, jeder wünscht sich weit, weit weg. Alle leben sie in ständiger Angst, unter Drogen oder mit unterdrückten und teils verbotenen Wünschen. Ellen beschreibt hier menschliche Abgründe, wie sie sich sicherlich immer wieder in unserer Welt abspielen. Sie selbst hat jedoch die USA im Blick, genauer gesagt ländlichere Teile der USA.

Die Kapitel haben alle eine angenehme Länge und sind durch die lockere Sprache und die fesselnden Handlungen wahre Page-Turner. Ich konnte mich in den meisten Fällen gut in die jeweilige Protagonistin hinerinversetzen, vor allem in die junge Erin, die mit den ständig wechselnden Beziehungen ihrer Mutter und deren exzessiven Drogenkonsum zurecht kommen muss. Ellen ist es gelungen, eine ganz besondere Art der Nähe des Lesers zu den Figuren und ganz besonders zu Erin herzustellen. Letzteres liegt wohl daran, dass man Erin über mehrere Kapitel begleitet und ihre Vergangenheit kennenlernt.

Die Bezeichnung "Das Abenteuer, eine Frau zu sein", wie der Verlag es in der Inhaltsangabe nennt, finde ich übrigens ein wenig unglücklich gewählt. Natürlich geht es hier um Frauen, aber nichts, was diese Frauen erleben, ist meiner Meinung nach wirklich ein Abenteuer im herkömmlichen Sinne. Drama, ja. Vielleicht auch Tragödie. Aber mit einem Abenteuer haben die Geschichten eigentlich nicht viel zu tun.

Trotz all der Missstände, von denen in den Storys so offen und ehrlich die Rede ist, ist das Buch erfüllt von Hoffnung und Liebe. Ich habe es gern gelesen, denn die meisten der Storys verbreiten diese Atmosphäre, auf die ich immer hoffe, wenn ich Romane über die ländlicheren Gegenden der USA in den Händen halte. In etwa so wie in dem Film Gilbert Grape, der zu meinen Lieblingsfilmen zählt. Anders kann ich nicht beschreiben, was ich meine. Diese Stimmung findet sich vor allem in den ersten Geschichten. Gegen Ende dreht der Wind jedoch ein wenig und das Buch schließt schließlich mit einem lauten Knall, einem Wachrütteln, einer sehr verstörenden und harten Story. Zunächst fand ich es schade, dass das Buch so enden musste, doch mittlerweile verstehe ich die Intention dahinter.

Die letzte Amerikanerin ist verstörend, aber dennoch irgendwie hoffnungsvoll. Ich habe das Buch gern gelesen, ach, was sag' ich, geradezu verschlungen und vergebe 5 von 5 Wolken. 

Kommentare:

  1. Hallo Jacy,
    ich finde deine Rezension so ansprechend, dass ich mir das Buch sofort in der Bib geordert habe.
    Danke dafür.
    Liebe Grüße,
    Hibi

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    1. Das freut mich sehr! Ich hoffe, das Buch gefällt dir genauso gut wie mir - wobei "gefallen" irgendwie nicht wie das richtige Wort klingt für diese teils üblen Kurzgeschichten. Ich bin gespannt auf deine Meinung dazu :)

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Danke für deinen Kommentar! Schau doch bald wieder rein, dann habe ich geantwortet :)